Ein Gastbeitrag von Karrierebibel-Autor Jochen Mai Das ist schon ein bisschen ärgerlich. Da investieren nicht gerade wenige Bewerber Stunden in ihre Bewerbungsunterlagen: das Anschreiben, den Lebenslauf, recherchieren Ansprechpartner und Infos über das Unternehmen, feilen an Formulierungen und am Design. Und dann nehmen sich die Personalverantwortlichen kaum mehr als fünf Minuten Zeit, um eine Bewerbung zu analysieren, so das Ergebnis einer Studie des ICR Recruiter Survey. Fünf Minuten! Wie kann man da eine solide Entscheidung treffen? Sagen wir so: Die Frage ist so womöglich falsch gestellt und auch wenig hilfreich. Ob professionelle Recruiter das können oder nur glauben, das zu können, wird das Problem nicht lösen. Viel entscheidender ist: An welchen Kriterien machen Sie Ihre Entscheidung am Ende fest? Oder anders gefragt: Welche Fehler lassen sich vermeiden, um sich selbst nicht vorzeitig aus dem Rennen zu kicken? Weiterlesen
Kategoriearchive: Entscheidungsklarheit
Begeistert Entscheiden
Normalerweise möchten wir Menschen auf die Finger klopfen. Wenn sie von etwas begeistert, ohne großes Nachdenken entscheiden. Denn unsere Begeisterung lässt uns selten die Kehrseiten unserer Faszination erkennen. Schon ohne Begeisterung ignorieren die meisten Menschen negative Informationen.
Doch um diesen Fall geht es heute nicht. Stattdessen möchte ich unser Auge darauf lenken, wie sehr uns das Entscheiden begeistern sollte.
Noch sehen das viele ganz anders: »Was soll daran schon begeistern? Ich muss bei meinen Entscheidungen so viele Kröten schlucken, dass Naturschützer mich als offiziellen Krötenwanderweg ausgewiesen haben!«
Die Entscheidung kann nichts für unsere Fehler
Das klingt nicht unbedingt begeisternd. Es soll allerdings auch Menschen geben, die ihre Katze in der Waschmaschine gewaschen und anschließend in der Mikrowelle getrocknet haben. Oder wie IT-Servicetechniker sagen: »Der Fehler sitzt in der Regel vor dem dem Gerät.«
Das begeistert
Im Moment der Entscheidung bekommen wir das, was wir schon die ganze Zeit wollten. So läuft es im Idealfall. Ich finde, das ist ein Grund für Begeisterung.
Stellen wir uns ein kleines Kind vor, wenn ein lang gehegten Wunsch erfüllt wird. Das ist Begeisterung! Diese Art der Begeisterung könnten wir auch empfinden.
Schritt für Schritt in die Zukunft
Natürlich ist diese Sicht sehr vereinfacht. In der Regel erarbeiten wir mit unseren Entscheidungen immer nur kleine Teile von dem, was wir ultimativ gerne erreichen wollen. Es wäre wahrscheinlich einfacher, wenn wir unsere Zukunft mit einer einzigen Entscheidung direkt vor die Haustür geliefert bekämen. Aber als ich beim letzten Mal nachgesehen habe, hatte keines der großen Versandhäuser – auch nicht Amazon – die Zukunft im Angebot.
Daher realisieren wir sie uns Stückchen für Stückchen mit unseren Entscheidungen. Doch wenn wir nur einen Funken Vorstellungskraft besitzen, müsste uns diese Idee bei jeder Entscheidung begeistern: »Ich bekomme das, was ich will!«
Und was ist mit den Kröten?
So wie in die Waschmaschine keine Katze, sondern Wäsche gehört, so müssen wir unsere Entscheidungen mit dem richtigen Informationen beliefern.
Wenn heute ein Fee käme und uns anbieten würde, alles zu erfüllen, was wir wirklich wollen, hätten über 80 Prozent der Menschen ein Problem. Denn die meisten von uns haben keine klare Vorstellung davon, wie sie ihre Zukunft aussehen lassen wollen.
Entscheidungen geben unserem Handeln eine Richtung. Wenn wir nicht wissen, was wir wollen, landet die Katze doch wieder in der Waschmaschine. Nicht nur Katzen lehnen das ab.
Was haben wir 2023 erreicht?
Und daher lautet mein Rat des Tages: Finden wir heraus, was wir wirklich wollen. Dann dürfen wir bei unseren Entscheidungen auch begeistert sein.
Wie sehen unsere Ziele für das Jahr 2023 (kein Schreibfehler) aus? Was wollen wir alles erreicht und umgesetzt haben?
Bedarflos glücklich
Als Apple vor zwei Jahren sein iPad vorstellte, fragte sich die halbe Welt: wozu? Die andere Hälfte war begeistert. Apple schuf damit einen neuen Markt, der inzwischen traditionellen Laptop-Herstellern wie Dell und Hewlett Packard das Wasser abgräbt. Das Segment der Netbooks ist inzwischen sogar vollständig verschwunden.
Auch wenn seine Nutzer anfangs nicht wussten, was sie mit ihm anfangen wollten, hat sich das iPad inzwischen auf den Sofas der Republik breit gemacht.
Viele Computer-Analphabeten der älteren Generation haben über das kleine Elektroniktäfelchen Anschluss ans Internet gefunden.
Meine Mutter schreibt mir heute ganz selbstverständlich Emails, liest meine Blogbeiträge und schaut sich die Videos meiner Auftritte auf Youtube an.
Allein für diese Leistung bin ich dem verstorbenen Steve Jobs und Apple dankbar. Ich selbst habe mir kein iPad gekauft. Denn ich brauche es nicht.
Und an dieser Stelle wird es merkwürdig. Denn nicht wenige iPad-Fans in meiner Umgebung sind der Meinung, dass ich unbedingt dieses einfach zu bedienende Universalgenie brauche. Ihr Argument: »Wie willst Du wissen, ob Du es nicht doch brauchst? Das weißt Du doch erst, wenn Du es hast.«
Klare Orientierung in der blickdichten Situation
Ich gebe es zu. Ich mag Filme. Besonders gerne beobachte ich die Entscheidungen, die eine Handlung voranbringen.
Nimmst Du die rote oder die blaue Pille?
Zum Beispiel im Film Matrix. Der Hacker Neo hört in seinen Streifzügen durchs Netz immer wieder von einer ominösen Matrix. Der Name Morpheus taucht auch immer wieder auf. Er ist ein Gegenspieler der Matrix.
Neo ist von dem Geheimnis der Matrix fasziniert. Er möchte alles darüber wissen. Er bricht in die am besten gehüteten Computernetzwerke ein und wird vom FBI und anderen Regierungsorganisationen gesucht. Eines Tages gelingt es ihm, zu der Gruppe um Morpheus Kontakt herzustellen.
Verfolgt von merkwürdigen Agenten mit Superkräften bringt ihn eine Gruppe von Morpheus Anhängern zu ihrem Chef.
Endlich ist es soweit! Jetzt wird er das Geheimnis um die Matrix erfahren!
Gedankenviren und Entscheidungen
Spätestens seit den ersten Priming-Experimenten wissen wir, dass unsere Entscheidungen stark davon abhängen, mit welchen Themen wir uns aktiv beschäftigen. Zum Beispiel neigten Studenten dazu, bei Testaufgaben weniger zu betrügen, wenn sie zuvor in einer Aufgabe die zehn Gebote aufschreiben mussten. Selbst wenn sie durch ihren Betrug einen finanziellen Vorteil gehabt hätten.
Das gibt uns zu denken
Wir sollten aufpassen, womit wir uns beschäftigen. Schreiben wir zum Beispiel einen Artikel darüber, wie gut uns Fastfood in unserer Jugend geschmeckt hat, könnte unsere Restaurantwahl am Mittag wenig überraschend ausfallen.
Denken ist Internetsache
Das Internet hat vieles in unserem Leben leichter gemacht. Was nicht dazu gehört, ist das Thema Klarheit.
Ich gehöre noch zu den Menschen, die ohne Internet aufgewachsen sind. Damals riefen wir bei der Bahn an, wenn wir wissen wollten, wann der nächste Zug nach Hamburg fährt. Wer Geld überweisen musste, ging in die Bank und wer seine Uhr stellen wollte, rief die Zeitansage an. Wenn ich wissen wollte, wer Richard III. von England war, dann konnte ich allerhöchstens in eine Bibliothek gehen und dort nach einem Buch über englische Geschichte fragen.
www – wirklich wunderbare welt
Heute macht das world wide web den größten Teil des menschlichen Wissens für uns verfügbar. Heute buchen wir gleich am Bildschirm unsere Bahntickets und drucken sie uns aus. Viele von uns haben ihre Bank bei der Kontoeröffnung das letzte Mal von innen gesehen. Und Wikipedia beantwortet fast jede Frage zur Geschichte, die ich noch nie gestellt habe.
Zufriedenheit ist eine Frage des Anspruchs
Viele Entscheider wissen erst nach ihrer Entscheidung, was sie wollen und halten das auch für völlig in Ordnung so.
In der aktuellen Literatur über die Unzulänglichkeiten unseres Gehirns wird auch genau diese Art des Entscheidens immer wieder diskutiert. Was deren Autoren wohlweislich (oder auch nicht) verschweigen ist, dass viele unserer Denkprobleme erst entstehen, weil die Probanden nicht vorher wissen, was sie wollen.
Keine Geschmacksfrage
Manch einer sieht das offensichtlich auch eher als eine Philosophiefrage an. So meinte eine Esoterikerin einmal treuherzig: »Es ist nicht schlimm, nicht zu wissen, was ich will. Das Schicksal weiß es doch und kann mich so besser führen.«
Auch die Christliche Lehre kennt das »Herr Dein Wille geschehe!« Was soll man auch selbst gestalten, wenn Gott es ohnehin tut?
Da passt mir das Zitat von Benjamin Franklin besser: »Gott hilft denen, die sich selbst helfen!«
Der Unterschied
Aber ist das nicht nebensächlich? Welchen Unterschied sollte es zwischen einem Nichtwisser und jemandem geben, der schon vorher weiß, was er sucht? Schließlich kann der sich auch nur für die relativ beste Alternative entscheiden. Dabei unterschlagen wir, dass es ja nicht dieselben Alternativen sein müssen, über die wir hier sprechen.
Für die Fraktion der Nichtwisser beginnt eine Entscheidung, sobald wir uns zwischen mehreren Alternativen entscheiden müssen. Zum Beispiel, wenn wir im Restaurant sitzen und etwas von der Speisekarte bestellen wollen.
Für alle anderen beginnt eine Entscheidung mit einem zu lösenden Problem. Zum Beispiel könnten wir Hunger haben. Dann sagen wir uns vielleicht: »Ich habe Hunger. Heute habe ich Lust auf einen gesunden Blattsalat. Daher gehe nicht zu dem Italiener, bei dem wir sonst essen. Denn der ersäuft alles in Öl.« Stattdessen gehen wir zum vegetarischen Restaurant, weil es dort den besten Salat gibt.
Glatte Entscheidungen
Was passiert jetzt beim Bestellen? Der Nichtwisser könnte vielleicht auch feststellen, dass Salat heute das Richtige für ihn ist. Aber er kann maximal die in Öl ersäuften Blätter bekommen. Wer vorher wusste, dass es heute ein Salat sein soll, bekommt im vegetarischen Restaurant dagegen einen knackigen und leckeren Salat.
Mag sein, dass beide jetzt den Salat haben. Aber ich kann mir vorstellen, wer zufriedener ist.
Ansprüche machen uns zufriedener
Wer weiß was er will, schafft sich seine Alternativen selbst und lässt sie sich nicht von den Umständen vorschreiben. Wir haben dann unsere Ansprüche und wir geben uns erst zufrieden, wenn sie erfüllt sind.
Das hätte auch dem Universalgenie Benjamin Franklin gefallen.