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Ein Herz für Schlecker

Schleckerherz»Es ist nichts mehr da!« Dieser einfache Satz Meike Schleckers ist in seiner Klarheit kaum zu schlagen.

Viele Jahre galt Anton Schlecker als der Ausbeuter unt­er den Dis­countern.

Gleichzeitig hat der Unternehmer über Jahre auf ein ungesundes Wachstum gesetzt. In Amerika gibt es an jeder Ecke einen Starbucks. In Deutschland kam es mir lange so vor, als gelte das auch für Schlecker. Offensichtlich war das zu viel des Guten.

Viele Filialen waren unrentabel.

Man fragt, sich wie ein so intelligenter Unternehmer wie Schlecker sehenden Auges diesen Kurs bis zum bitteren Ende fortsetzen konnte.

Eine Erfolgsgeschichte

Schlecker ist zum Opfer seines eigenen Erfolgs geworden. Das Wachstum hatte sich für ihn viele Jahre lang ausgezahlt. Seine Filialen waren schnörkellos, eng und boten vieles billiger als die Kon­kurrenz.

ALDI hatte es vorgemacht. Kein Kunde stört sich an dem Aussehen und Komfort der Filiale, wenn er gutes Geld sparen kann. Das galt vie­le Jahre. Allerdings veränderte sich der Markt.


Der Wandel

Wer heute die Filialen von dm, Rossmann oder Müllermarkt besucht, reibt sich die Augen. Denn das sind einladende Luxus-Tempel. Hier gehen wir gerne einkaufen

Die Preise dieser mondänen Einkaufsstätten können – glaubt man der Presse – gegen Schlecker bestehen. Ich selbst habe das nicht überprüft. Wie stark sich die Umgebung auf unsere Einkäufe auswirkt, liest sich an den Umsätzen ab. Eine moderner Luxustempel verkauft auf der gleichen Fläche das Dreifache eines normalen Drogeriemarktes.

Die eingefahrene Spur

Preisvorteile bot Schlecker nur noch bei seiner Eigenmarke AS. Was passiert bei der direkten Konkurrenzsituation? Wir gehen erst in den Luxustempel. Dort kaufen wir berauscht unsere Markenprodukte und danach gehen wir vielleicht noch zu Schlecker, um ein oder zwei AS Produkte zu kaufen.

Die Bedingungen haben sich also geändert. Schlecker hätte das sehen können. Doch wenn wir unseren Erfolgsweg gefunden haben, än­dern wir unseren Kurs sehr ungern. Auch wenn der Weg in die falsche Richtung abbiegt.

Denn mit dem zurückgelegten Weg verbinden wir gute Erfahrungen. Wir glauben, damit die Zukunft zu kennen. Schlagen wir dagegen eine neue Richtung ein und gehen einen neuen Weg, halt er nur Unge­wissheit bereit.

Das alles passiert unbewusst. Bewusst finden wir dann eine intel­ligente Begründung, warum wir den sympathischeren Weg gehen wol­len.

Irgendwann in den letzten drei Jahren muss der Firmenpatriarch erkannt haben, dass es so nicht weiter geht. Er gab daraufhin seinen Kindern und Erben die Verantwortung, das Marktkonzept neu auszu­richten.

Generationswechsel

Wir können darüber diskutieren, ob er spät und zu zaghaft reagiert hat. Allerdings rechne ich  es ihm als entscheiderische Großtat an, dass er es überhaupt getan hat. Denn nur so konnte das Unterneh­men einen neuen Weg einschlagen.

Zu denken gibt mir allerdings die Insolvenz. Laut Pressekonferenz konnte ein geringer zweistelliger Millionenbetrag nicht finanziert wer­den. Das weckt Zweifel an der finanzpolitischen Kompetenz der Un­ternehmensführung.

Mit einem guten Controlling ist eine solche Lücke oft lange vorher zu sehen. Mag sein, dass es unvorhergesehene Einmaleffekte gab. Wer weiß?

Eigensinn

Man fragt sich, ob es nicht andere Möglichkeiten gegeben hätte, um Liquidität zu schaffen. Aber vielleicht stand diesen Möglichkeiten die eigene Überzeugung im Weg.

Dem Vernehmen nach unterhielt Anton Schlecker gute Beziehungen zu Dieter Schwarz, dem Lidl- und Kaufmarkt-Macher. Wie hat er wohl die über Jahre abzusehende Misere des Geschäftsfreunds kommentiert? Wenn andere einen ständig kritisieren, möchte man lieber unabhän­gig bleiben.

Das ist sein gutes Recht. Anton Schlecker ist Einzelunternehmer. Er haftet für alle Unternehmensschulden. Als Privatmann ist er jetzt ge­nauso pleite, wie sein Unternehmen. Trotzdem gehört ihm diese Tra­gödie nicht allein. Zehntausende seiner Mitarbeiter sind ebenfalls betroffen.

Arm und isoliert

Allein sind wir schwach. Wie schwach, sieht man an einer Aussage der Baden-Württembergischen Landesregierung. Man sei bereit, ei­nem Investor bei einer Übernahme Zuschüsse zu gewähren. Aber direkte Hilfen für das Unternehmen schließe man aus. – Anton allein im Ländle.

Wie isoliert die Schleckers dastehen, sehen wir auch gut in der Ar­beitsvita der Erben. Bei Deutschlands Familienunternehmern ist es nicht unüblich, die Söhne und Töchter zur Konkurrenz zu schicken.

Sie werden erst dann in eine gehobene Position zurück geholt, wenn sie sich außerhalb des eigenen Unternehmens ihre Sporen verdient haben. Firmen wie Budnikowsky, dm und Rossmann sind auf diese Weise gut miteinander vernetzt.

Meike und Lars Schlecker kennen dagegen nur den Betrieb des Va­ters. Das macht es zum einen schwer, die guten Ideen anderer aus erster Hand kennen zu lernen. Zum anderen fehlt die Möglichkeit zur Kommunikation auf dem kurzen Dienstweg, um sich Hilfe und Rat zu holen, wenn man sie noch brauchen kann.

In solchen Zeiten werden Heldinnen gemacht

»Es ist nichts mehr da!« Ist damit durchaus interpretationsfähig. Denn die tapfere Schlecker Erbin hat weder Geld, noch Einfluss, noch Verbindungen. Trotzdem muss sie ein Unternehmen und Lebens­werk retten. Ich drücke ihr die Daumen.

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