Am Rande einer erfolgreichen Karriere

Annette SchavanIn diesen Tagen möchte sich Frau Schavan wahrscheinlich am liebsten auf die Zunge beißen. Hätte sie nur im Fall zu Guttenberg den Mund gehalten!

Ich will nicht beurteilen, ob Frau Schavan in den 80ern in ihrer Doktorarbeit schlampig zitiert hat oder ob sie wissentlich eine Abkürzung zu viel genommen hat. Vielleicht weiß das noch nicht einmal Frau Schavan selbst.

Schuld ist für mich auch nicht interessant. Spannend dagegen ist die Entscheidung, die sie für sich treffen muss.

In den Schuhen einer Ministerin

Versetzen wir uns einmal in ihre Lage: Wir haben vor rund 30 Jahren alles daran gesetzt, unseren Doktortitel zu bekommen. Wir haben seitdem ordentlich Karriere gemacht. Die weiteren Aussichten waren bis vor Kurzem prächtig. Doch von einem Tag auf den anderen ist alles anders. Jemand hat sich tatsächlich die Mühe gemacht, unsere Doktorarbeit einzuscannen, eine Texterkennung drüber laufen zu lassen und mit den Quellen der damaligen Zeit abgeglichen. Das Ergebnis: Zitierfehler ohne Ende. Der Vorwurf von Plagiaten steht im Raum.

Nicht nur der politische Gegner fordert Blut, auch die Alma Mater der Ministerin, die Universität Düsseldorf prüft, ob ihr der Doktortitel entzogen werden soll. Wie schon im Fall zu Guttenberg hat der Doktortitel nicht viel mit Schavans heutigem Job zu tun. Doch sollte sie ihn verlieren, fordern viele ihren Rücktritt.

Was sollen wir jetzt tun? Das ist eine spannende Frage. Denn wir sind nicht freiwillig in diese Situation geraten. Wir werden zu unseren Entscheidungen genötigt. Viele Menschen reagieren dann oft kopflos und versuchen die Situation zu ändern. Zum Beispiel behaupten sie, die Anschuldigungen seien nicht wahr. Das konnten wir gut bei Theodor zu Guttenberg und Christian Wulff beobachten.

Zeit für die Prüfung

Frau Schavan wollte die Anschuldigungen erst einmal prüfen. Das ist eine gute erste Reaktion. Wer unter Zeitdruck entscheidet, hat nicht das ganze Bild vor Augen. Er sieht einen Ausschnitt und das ist in der Regel eine verheerende Aussicht.

Auch im Fall Schavan war die Presse nicht zufrieden. Man wollte möglichst gleich eine Antwort. Damit kann jeder Entscheider rechnen. Niemand hat in dieser Lage Geduld und Verständnis dafür, dass sich der Entscheider seine Zeit nimmt. Hier sind also starke Nerven gefragt!

Was soll die Zukunft bringen?

Im nächsten Schritt geht es nicht wirklich um die Vorwürfe, außer sie sind tatsächlich nicht wahr. Es geht auch nicht um die Situation. Denn anders als wir immer glauben, ist unsere Situation das Ergebnis der Vergangenheit. Da wir die Vergangenheit nicht ändern können, gelingt uns das auch nicht mit der Situation.

Unangenehme Situationen haben es so an sich, dass wir uns daraus befreien wollen. Doch das passiert ohnehin auf die eine oder andere Weise.

Viel interessanter ist die Zukunft. Hier machen wir oft den Fehler, auf die Aussichten zu schauen, die wir vielleicht zuvor hatten. Frau Schavan hätte vielleicht auf Europäischer Ebene wirken können, sie hätte es vielleicht sogar zur Bundeskanzlerin bringen können.

Doch das ist vorbei. Der mit einigen Beweisen hinterlegte Vorwurf, Frau Schavan hätte Ihren Doktortitel nicht verdient, macht all das unwahrscheinlich. Wer sich an den vergangenen Chancen festklammert, schränkt seine Gestaltungsmacht massiv ein.

Sie könnte vielleicht versuchen, die Öffentlichkeit zu überzeugen, dass an den Vorwürfen nichts dran ist.

An der Stelle dürfen wir kurz einmal herzhaft lachen. Denn damit wäre sie in etwa so erfolgreich wie ein Kanzlerkandidat Philipp Rösler bei der Bundestagswahl.

Lassen wir also außen vor, welche Chancen verdorben sind. Stattdessen können wir uns fragen: Wie soll unsere Zukunft aussehen? Was wollen wir erreichen?

Wir können natürlich nicht in den Kopf von Frau Schavan schauen und vielleicht weiß sie auch nicht so genau, was sie jetzt will. Oft denken wir dann nur »ich möchte, dass alles wieder so ist, wie zuvor!« Doch das ist nicht möglich. Alles hat sich verändert und es liegt nicht in unserer Macht, es ungeschehen zu machen.

Gehen wir also von uns selbst aus. Was würden wir uns als Annette Schavan für die Zukunft wünschen? Zum Beispiel könnten wir uns vorstellen, in der weiteren Zukunft auch noch eine maßgebliche Rolle in Politik oder Wirtschaft zu spielen.

Das ist möglich. Prominente Beispiele wie Lothar Späth haben es vorgemacht.

Auswahl

Das Ziel besteht also den Realitätscheck. Wie erreichen wir das? An der Stelle müssen wir so tun, als hätte Frau Schavan noch nicht auf die Vorwürfe reagiert. Tatsächlich ist sie gerade dabei, eine ihrer Optionen wahrzunehmen. Ob sie dabei aus Entscheidersicht den besten Weg nimmt, sehen wir später.

Aber da wir diese Alternative schon kennen, nehmen wir sie mit in unsern Gestaltungsraum auf:

1. Die Napoleon-Strategie. Frau Schavan kämpft um ihren Doktortitel und aktiviert ihr gesamtes Netzwerk, um die Uni Düsseldorf unter Druck zu setzen. Alle schießen aus allen Rohren aufeinander mit ungewissem Ausgang.

Was könnten wir noch tun, um unser Ziel zu erreichen? Wichtig wäre es, dass anders als im Fall zu Guttenberg niemand mehr über die Doktorarbeit von Frau Schavan spricht. Das geht relativ einfach: Die Canossa-Strategie. Benannt nach dem Ort an dem der Deutsche König Heinrich IV. durch eine übertriebene Buße seinen Feind Papst Gregor VII dazu zwang, ihm zu verzeihen und den Kirchenbann von ihm zu nehmen.

2. Die Canossa-Strategie. Frau Schavan bekennt sich dazu, dass ihre Doktorarbeit fehlerhaft ist. Als Professorin hätte sie einer solchen schlampigen Arbeit den Titel verweigert. Daher tritt sie zurück und verzichtet auf den Titel. Gleichzeitig bittet sie ihren ehemaligen Ministerkollegen Theodor zu Guttenberg unter Tränen um Verzeihung. Denn sie hätte die Letzte sein dürfen, die den ersten Stein wirft.

Das mag übertrieben sein. Aber wer sich selbst so in den Schmutz wirft, dem kann man keinen Dreck mehr hinterher werfen. Wer will jetzt noch in Talkshows unangenehme Fragen stellen? Stattdessen wird man den Mut bewundern, wie Frau Schavan mit sich selbst ins Gericht gegangen ist.

3. Die Schreinemakers-Strategie, benannt nach der ehemaligen Talkshow-Königin Margarete Schreinemakers. Frau Schavan könnte empört über die nachtragende Öffentlichkeit vor die Mikrofone treten und eine Stiftung ins Leben zu rufen, die für eine verzeihende Öffentlichkeit eintritt. Wer Fehler ausgräbt, die so lange zurückliegen, sollte kein Forum finden dürfen.

Vielleicht war Frau Schavan auch schon einmal in Texas. Da reiten Cowboys immer noch auf Bullen, um ein Rodeo zu gewinnen. Die Rodeo-Strategie steht auch der Ministerin offen.

4. Die Rodeo-Strategie: Sie lässt die Dinge einfach laufen und versucht sich so  lange wie möglich im Amt zu halten. Spätestens nach der nächsten Wahl braucht sie nicht mehr zurückzutreten und das Interesse, sie zu Fall zu bringen geht danach gegen Null.

5. Die Hänschen-Klein-Strategie. Frau Schavan tritt ohne großes Brimborium von allen Ämtern zurück und zieht sich für zwei Jahre vollständig aus der Öffentlichkeit zurück. Sie lässt es still um sich werden. Der Skandal um ihre Doktorarbeit ist dann keiner mehr. Stattdessen wird man vermutlich sagen, dass ihr Fall gegenüber der zu Guttenberg-Affäre vernachlässigbar ist.

Natürlich gäbe es noch viel mehr Handlungsalternativen. Aber mir gehen die Namen für die Strategien aus und letztlich muss Frau Schavan ja auch irgendwann eine Entscheidung treffen.

Übersicht

Schauen wir uns die verschiedenen Strategien an, gibt es zwei Grundrichtungen: (1)Frau Schavan bleibt im Amt. Aufgrund der kommenden Bundestagswahl hat sie dafür auch die Unterstützung ihrer Partei und der Kanzlerin.

(2) Frau Schavan zieht sich zurück. Dieser zweite Weg ist in vielfacher Hinsicht einfacher, weil die Presse und die politischen, sowie moralischen Gegner genau das wollen.

Wie soll sie sich entscheiden? So sieht Schavans Entscheidungsbaum aus:

Entscheidungsbaum

Frau Schavan hat insgesamt fünf Handlungsstrategien zur Auswahl, die sich auf die beiden Grundrichtungen “Bleibt im Amt” und “Tritt zurück” aufteilen. Jede der potentiellen Strategien hat unterschiedliche Konsequenzen. Uns interessiert dabei nur die lange Sicht.

Tendenz der Auswirkung

Kurzfristig könnte Frau Schavan sich mittels der Napoleon Strategie den Weg freikämpfen. Aber langfristig wollte sie dann keiner mehr sehen. Roland Koch hat das mit brutalstmöglicher Offenheit in Hessen erlebt und darüber die Lust an der Politik verloren. Tendenz: Negativ

Die Schreinemakers Strategie hat schon für eine Talkshow-Königin nicht funktioniert. Der Grundgedanke ist zwar richtig, aber dafür braucht es eine unbelastete Jeanne  d’Arc.

Viel wahrscheinlicher ist es, dass die öffentliche Meinung Frau Schavan um die Ohren fliegen würde. Tendenz: Negativ.

Die Rodeo Strategie könnte kurzfristig funktionieren. Denn die CDU möchte ihre Ministerin bis zur Bundestagswahl im Amt lassen. Alles andere wäre peinlich. Daher hat es Frau Schavan selbst in der Hand, ob sie weiter machen möchte oder ob sie die Reißleine zieht. Langfristig kann sie allerdings mit dem Ritt auf dem Bullen wenig gewinnen. Nach der Bundestagswahl wäre ihre Karriere wohl erledigt. Sie könnte dann nur noch in der zweiten Reihe agieren. Ob das ihre Vorstellung von Mitgestaltung ist, mag ich nicht beurteilen. Tendenz: Neutral

Am meisten könnte die Wissenschaftsministerin wohl durch einen Rücktritt gewinnen. Dabei ist die Canossa Strategie am erfolgversprechendsten. Denn Frau Schavan würde sich auf die Seite ihrer Gegner stellen und sich selbst anklagen. Wenn sie das radikal genug macht, bleibt wenig übrig, was man ihr nachtragen könnte. Die Doktorarbeit wäre damit neutralisiert. Sie könnte nach einer Wartezeit ohne Probleme an einer einflussreichen Stelle ihre Arbeit fortsetzen. Tendenz: Positiv

Die Hänschen-Klein Strategie zielt zwar in die gleiche Richtung, aber sie lässt Frau Schavans Gegnern die Munition. Wann immer sie zurückkehrt, dürfte man wieder aus vollen Rohren auf sie schießen. Das sehen wir an Theodor zu Guttenberg. Auch wenn sich beide Fälle nicht vergleichen lassen, würde Frau Schavan doch mit ähnlichen Vorbehalten konfrontiert werden. Daher Tendenz: Neutral.

Aktuell hat sich Frau Schavan für die Napoleon Strategie entschieden. Wir werden sehen, ob sich das zumindest kurzfristig für sie auszahlt. Langfristig könnte sie mit ihrer Wahl ihr Karriereende eingeleitet haben oder wie Napoleon meinen würde, ihr Waterloo erleben.

Für welche Strategie hättest Du Dich entschieden?

6 Kommentare
  1. Mario Schwenninger
    Mario Schwenninger says:

    Ich vermute, dass sie die Rodeo-Strategie benutzen wird, denn bis zur Wahl ist es nicht mehr lange hin. Die Forderung nach einem “unabhängigen” Institut, dass die Sachlage prüfen soll, mag berechtigt sein, ist aber auch als Verzögerungstaktik zu werten.
    Da ich es nicht für wahrscheilich halte, dass Schwarz-Gelb noch einmal gewinnt, werden die Karten neu gemischt werden.
    Dafür, dass sie in einer Scharz-Roten, Schwarz-Grünen oder Rot-Grünen Koalition nicht mehr dabei ist, dafür werden SPD oder Grüne sorgen.
    Selbst wenn wieder allen Unkenrufen zum Trotz die FDP wieder erstarken sollte, wird sie garantiert dafür sorgen, dass Schavan in einer neuen Regierung nicht mehr dabei ist.
    Da ich fast ausnahmslos alle mir bekannten Politiker für berechnende Macht-und Einflusszocker halte, wird sie sich diese Schachzüge schon längst überlegt haben und ihr Scherflein anderweitig ins Trockene bringen.

  2. Harald Breuer
    Harald Breuer says:

    Es gibt ernstzunehmende Fachleute, die klar ausdrücken, dass in dem Fachgebiet und zu der Zeit als die Doktorarbeit entstand genau so gearbeitet wurde wie sie gearbeitet hat. Die Arbeit von vor über 20-25 Jahren nach heutigen Regeln zu bewerten passt nicht. Unter diesen Umständen ist die Napoleon-Strategie richtig. Andere Optionen entsprächen nicht den Umständen unter denen die Arbeit entstand.

  3. Kai-Jürgen Lietz
    Kai-Jürgen Lietz says:

    Recht haben und Recht bekommen sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Ich habe diese Aussagen auch gelesen. Das zuständige Gremium der Uni Düsseldorf hat der Untersuchung bei nur einer Gegenstimme zugestimmt. Das klingt nicht danach, also ob das Kontext-Argument dort eine Chance hätte. Es wird für Frau Schavan sehr schwer sein, gegen ein mögliches Verdikt Ihrer Alma Mater anzugehen.

    Die tatsächliche Schuld oder Unschuld von Frau Schavan spielt für ihre Handlungsstrategie längst keine Rolle mehr.

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