Die Tropfenfalle

imageFrüher Morgen: Es ist noch still im Haus. Niemand ahnt, was gleich passieren wird. Ein Mann in mittleren Jahren steht plötz­lich auf. Nichts kann ihn aufhal­ten. Mit noch etwas unsicheren, trotzdem energischen Schritten durchquert er den Flur und kommt in die Küche.

Mit einem saftigen Schmatzen öffnet sich die Tür zum Kühl­schrank. In der Morgendämmerung lockt sein Licht den Hausherrn wie eine Motte. Das fahle Licht illuminiert sein vorfreudiges Gesicht. Da steht es: ein kleines Schokotörtchen vom Vortag.

Eigentlich sollte unser Frühaufsteher auf derartige Kalorienbomben verzichten. Seine Frau erinnert ihn gerne an sein Versprechen, dass er dieses Jahr wieder auf 85 Kg abnehmen wollte. Aber seine Frau liegt noch ahnungslos im weichen warmen Bett.

Ein Lächeln umspielt seinen Mund. Frühaufsteher haben mehr vom Leben! Doch so sehr das Törtchen lockt, meldet sich doch sein Gewissen. “Das will ich doch gar nicht!” Unbewusst formt sein Mund ein einziges Wort: “Doch!”

Dieses kleine Törtchen macht doch gar nichts aus. Es ist ein Nichts wenn er es auf all die Gelegenheiten im Jahr umrechnet, an denen er noch verzichten wird. Dieses eine Mal ist bestimmt OK.

Schnell verschwindet das Törtchen mit einem triumphierenden Zungen­schnalzer in seinem Mund. Während sich die Geschmacksexplosion auf seiner Zunge entwickelt, hört er ein störendes Geräusch, akzentuiert und trocken: Tropf!

Oh mein Gott! Der Wasserhahn tropft! Der Hausherr ist Schwabe und in seinem Kopf stellt er sich vor, wie über Nacht ein ganzes Schwimmbecken durch den Abfluss verschwunden ist. Ein Nachbar hatte ihm einmal vorgerechnet, wie viel das kostet.

Schnell holt er seinen Werkzeugkasten und macht sich an der Spüle zu schaffen. Langsam erwacht das Haus. Doch nichts kann ihn davon abhalten, der Verschwendung Einhalt zu gebieten. Rechtzeitig mit dem Erscheinen der liebenden Ehefrau tropft nichts mehr.

Ein strafender Blick fällt auf den leeren Teller und ein ungläubiger auf den gerade verschmiert unter der Spüle hervorkriechenden Sünder. “Du hasch se ja nicht mähr allä!” Helden werden eben oft verkannt.

Eine Geschichte, wie sie jeden Tag irgendwo in Deutschland passieren könnte. Eine Geschichte über einen inkonsequenten Entscheider. Denn tatsächlich gibt es zwischen dem tropfenden Hahn und dem Naschen am Kühlschrank keinen Unterschied.

Oft genug unterschätzen wir die Macht unserer kleinen Entscheidun­gen. So denkt der angehende Selbständige vielleicht, dass seine Entscheidung für das Unternehmertum entscheidend ist.

Tatsächlich sind es aber die vielen kleinen Dinge. Jeden Morgen früh aufzustehen, alles zu tun, was notwendig ist und jeden Tag an der Akquise neuer Kunden zu arbeiten. “So schlimm ist es ja auch nicht, wenn ich heute nicht akquiriere!” – So ein Gedanke ist schnell ge­dacht, insbesondere wenn wir den Dreh noch nicht raus haben und uns im Verkauf schwer tun.

Das Problem: Am nächsten Tag könnten wir das auch denken und am darauffolgenden Tag auch. Ein Tropfen ist ein Tropfen. Viele Tropfen sind ein Regenschauer und speisen einen Bach. Der Bach fließt in einen Fluss und der Fluss mündet in einem Ozean des Misserfolgs.

Unterschätzen wir also niemals eine einzelne kleine Entscheidung, auch wenn sie uns im großen Kontext unbedeutend vorkommt. Denn es bleibt nie bei der einen kleinen Entscheidung. Nicht sehr lange und wir haben ein Muster.

Ich nenne diese systematische Unterschätzung der kleinen Entschei­dungen naheliegenderweise die Tropfenfalle.