image Vereinfache Dein Leben – das ist ein Trend, den es nicht erst seit Tiki Küstenmacher gibt. Ich finde die Idee sympathisch. Al­lerdings gibt es Momente, in denen wir uns auch ein wenig mehr Tiefe gönnen sollten.

Stellen wir uns vor, wir sitzen im Büro und machen uns gerade Ged­an­ken darüber, was wir im nächsten Meeting alles erreichen wollen.

Da klingelt das Telefon.

»Guten Tag, Herr Lietz. Mein Name ist Rosalie Pieper* (*Name frei erfunden). Ich bin so froh, Sie erreicht zu haben. Ich bin von einer namenhaften deutschen Wirtschaftszeitung und habe ein phantasti­sches Angebot für Sie!«

Überraschung

Schön! Denke ich mir. Bestimmt geht es um ein Interview. Das ma­che ich doch gerne.

»Sie haben die Möglichkeit, Restanzeigenplätze zu einem sagenhaft günstigen Preis bei uns zu schalten.«

Während ich mich noch von meiner Enttäuschung erhole, erfahre ich, dass der Preis tatsächlich außergewöhnlich niedrig ist. Aufgrund der Natur des Angebots muss ich mich aber innerhalb von 24 Stunden entscheiden.

Eine einfache Frage

Als ich auflege, höre ich noch Rosalies Frage im Kopf. »Schalten Sie die Anzeige?« Und füge noch gedanklich dazu: »… oder nicht?«

In der Tat komme ich so günstig wahrscheinlich kein zweites Mal in dieses formidable Presseerzeugnis. Mache ich das oder mache ich es nicht?

Wahllosfalle im Nebel

In dem Moment höre ich das Auslösegeräusch (schrifstellerische Freiheit) und sitze plötzlich in der Falle. Genauer gesagt in der Wahllosfalle. Denn Rosalie hat mir das Entscheidungsproblem schön vernebelt. Vielleicht würden die Simplify-Anhänger sagen, sie hat mir die Entscheidung vereinfacht.

Weniger einfach

Denn ich treffe ja nicht eine Entscheidung über die Frage, ob ich die Anzeige schalte oder nicht. Die wahre Entscheidung dahinter lautet: “Wofür setze ich meine knappen Marketingmittel ein, um meine Kunden bestmöglich zu erreichen?

Stellen wir uns die Frage so, haben wir plötzlich einen ganzen Strauß von Alternativen, bei dem der arme Simplyfier vermutlich die Hände über dem Kopf zusammen schlägt.

Die Anzeige ist eine dieser Alternativen, aber vielleicht nicht die beste. Es kommt darauf an, was wir genau wollen. Ohne Entscheidungs­klarheit geht auch hier nichts.

»Mir passiert das nicht!«

Vielleicht denken wir uns jetzt: »Das Problem habe ich nicht. Denn am Telefon entscheide ich prinzipiell nichts!«

Das mag so sein. Stehen wir im Alltag nicht trotzdem ständig vor der Frage: »Mache ich es oder nicht?«

Es passiert jeden Tag

Zum Beispiel kommt ein Mitarbeiter zu uns. Das Netzwerk ist ausgefallen, im Büro stehen die Räder still. Aber es gibt eine Lösung: »Machen wir das so oder nicht?«

In dem Moment denken wir gar nicht darüber nach, ob wir eine Entscheidung treffen. Wir lösen ein ernstes Problem. Und gelöst werden muss es. Denn wenn unsere Mitarbeiter nicht arbeiten kön­nen, kostet jede Minute, die verstreicht eine Menge Geld.

Kein Dogma

In solchen Situationen ist es auch nicht sinnvoll, dogmatisch zu werden und einer schnellen Lösung im Wege zu stehen. Wir müssen uns allerdings darüber im Klaren sein, dass die Entscheidung ver­mut­lich nicht optimal ist und später noch einmal überprüft werden muss, wenn kein Druck darauf lastet.

Unsere Wahl

Entscheidungen geben unserem Handeln eine Richtung. Wenn wir es zulassen, dass andere die Wege vorgeben, dann gehen wir bes­ten­falls nur ein paar Umwege und schlimmstenfalls gibt es dann keine Richtung mehr.

Wir haben allerdings immer die Wahl. Tappen wir in diese Ent­schei­dungs­fal­le oder nicht?

Über die Wahllosfalle und 14 andere Entscheidungsfallen, lesen Sie mir in meinem Buch “Das Entscheiderbuch. 15 Entscheidungsfallen und wie man sie vermeidet”.