Durchsichtiges Verhalten

image“Guten Tag, Herr Müller! Gut, dass ich Sie erreiche. Wir müssen leider Ihr Projektbudget halbieren. Da hat sich was ergeben und wir wollen dem Kollegen Peters die Möglichkeit geben, seine Idee umzusetzen.”

Müller: Chef! Das können Sie mir nicht antun. Das Projekt war schon vorher unterfinanziert. Jetzt ist es undurchführbar!

Chef: Ihr Projekt war mir immer wichtig! Bitte versuchen Sie mit den gegebenen Mitteln zu erreichen, was möglich ist. Die Entscheidung ist gefallen. Daher werde ich das nicht mit Ihnen diskutieren.

Eine verlorene Sache

Projektleiter Müller hat in der Sache schon verloren gehabt, bevor sein Budget halbiert wurde. Denn unsere Entscheidungen legen unsere Prioritäten offen. Im vorliegenden Fall war Müllers Projekt ohnehin schon unterfinanziert. Offensichtlich genießt es nicht die Unterstützung des Chefs.

Die Halbierung des Budgets passt also ins Grundverhalten. Ein anderer Kollege möchte kurzfristig eine neue Idee angehen. Das Geld dafür ist natürlich nicht budgetiert. Da bietet es sich an, sich bei einem unbeliebten Projekt zu bedienen.

Gedanken lesbar machen

Der beschnittene Projektleiter muss sich überlegen, ob er seine Zeit mit einer verlorenen Sache belasten möchte oder lieber in etwas Sinnvolleres investieren will.

Egal wie Müller damit umgeht. Er muss sich darüber im Klaren sein, dass seine eigene Entscheidung mehr von ihm offen legen wird, als im lieb sein kann.

Macht er weiter, zeigt er, dass er so ziemlich alles mit sich machen lässt. Sein Selbstrespekt hat also eine niedrige Priorität. Schmeißt er das Projekt dagegen hin, zeigt er nicht nur, dass sein Selbstrespekt an der richtigen Stelle sitzt, sondern auch seine Aussagen über Budgets zutreffend sind. Denn ein Weiter so hieße, dass er dem Projekt trotz der Budgethalbierung einen Erfolg zutraut.

Beobachtung statt Telepathie

In der Praxis gibt es viele Beispiele, in denen unsere Gegenüber unabsichtlich ihre Prioritäten offen legen:

  • Abgesagte oder verschobene Termine
  • Die Reihenfolge, in der Probleme angegangen werden
  • Zur Verfügung gestellte Gelder, Finanzierungen
  • Der Höchst- oder Mindestpreis in Preisverhandlungen
  • Eingehaltene oder nicht eingehaltene Zusagen
  • Aufgeschlossenheit für neue Argumente und Alternativen
  • Geduld oder Ungeduld von Verhandlungspartnern

Natürlich weiß das jeder. Aber wir wollen es oft nicht sehen.

Freiwillig weg geschaut

Projektleiter Müller beispielsweise redet sich vielleicht ein, dass er die Halbierung seines Budgets als Herausforderung ansehen soll. Er macht weiter, arbeitet viele unbezahlte Überstunden, um sein Budget zu schonen. Vielleicht schafft er es sogar, sein Projekt zufrieden stellend abzuschließen.

Aber sein Chef ist nicht von Müllers Einsatz begeistert. Die Projektergebnisse landen in der Schublade. Die Mühe ist vergebens.

Im Nachhinein erkennt der Projektleiter, dass er den Ausgang bereits beim Aufsetzen des Projekts hätte sehen können, hätte er es denn gewollt.

Ich persönlich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, mich nicht von dem beeinflussen zu lassen, was mein Gegenüber sagt, sondern schaue mir in erster Linie seine Entscheidungen an. Das ist zuverlässiger als ein paar schöne gesalbte Worte, die ein ansonsten glasklares Verhalten kaschieren sollen.