Entscheider ohne Zweifel und Tadel

image In Management-Zeitschriften sind die Biografien von Top-Managern oft gerade Wege ohne jede Rückschläge. Lese ich solche Artikel, nicke ich oft mit dem Kopf und denke mir: Anders konnte derjenige ja nicht an seine Spitzenposition gelangen.

Allerdings regt sich dann schnell Widerspruch in mir. Wann und wo haben diese Manager ihre Fehler gemacht, aus denen sie so nachhaltig lernen konnten? Das gibt die Biografie meist nicht her.

Wir stehen jetzt also vor der Wahl. Entweder hat unser Spit­zen­ma­na­ger keine Ahnung vom Leben oder seine Biografie ist geschönt.

Rückschläge verstehen

Ich tippe auf Letzteres. Warum ist diese Erkenntnis wichtig? Nicht jeder von uns ist ausnehmend glücklich über seine Lernerfah­run­gen. Rückschläge sind für uns oft ein Zeichen dafür, dass wir es nicht so weit schaffen können, wie diese Erfolgsikonen.

Umgang

Rückschläge gehören allerdings zum Leben. Was Erfolgreiche von den weniger Erfolgreichen unterscheidet, ist die Art, wie sie mit Rück­schlägen umgehen. Die einen gehen ihren Weg unbeeindruckt weiter, aber um eine Erfahrung reicher. Die anderen fallen in tiefe Selbstzwei­fel.

Beeindruckt

Es ist klar, dass wir mit Selbstzweifeln zukünftig Probleme haben, unseren Weg mit der notwendigen Entschlossenheit zu gehen. Ein Teil unseres Potentials wird damit brach gelegt.

Unbeeindruckt

Die Unbeeindruckten erreichen ihr Ziel früher oder später. Im Licht des Erfolgs werden Rückschläge auf dem Weg dort hin einfach über­strahlt.

Das heißt nicht, dass es sie nicht gegeben hätte. Aber keiner schenkt ihnen mehr große Beachtung.

So kommt es zu perfekten Biografien, die zwar gerne zur Legendenbildung in der Public Relations genutzt werden. Aber letztlich haben sie wenig Substanz.

Die Lizenz zum Rückschlag

Für uns muss etwas anders im Mittelpunkt stehen: Rückschläge und Scheitern sind erlaubt! Wir brauchen Erfahrungen, um besser zu werden.

Selbstzweifel und Selbstvorwürfe sind dagegen etwas, was definitiv in unserer Erziehung daneben gegangen ist. Darauf können wir getrost verzichten.

Denn sie schränken uns ein und verhindern, dass wir unser Potenzial voll ausschöpfen.

Vorbild Mario Gomez

Bestes Beispiel, wie so etwas wirkt: Mario Gomez. Vor Kurzem war er noch der Top-Scorer der Bundesliga. Der FC Bayern zahlte dem VFB Stuttgart 30 Millionen Euro Ablöse. Doch diese Tage sind längst vorbei. Was ist passiert? Schon während der Europameisterschaft 2008 schien es ihm unmöglich zu sein, selbst perfekte Vorlagen in Tore zu verwandeln. Die Zuschauer verzweifelten an ihm genauso wie er selbst.

Vermutlich begann damals ein Prozess mit Selbstzweifeln in ihm. Seine Fähigkeiten haben sich gegenüber früher nicht verschlechtert. Theoretisch könnte er noch genauso viel Tore schießen, wie zu seinen besten Zeiten. Aber seine Selbstzweifel begrenzen ihn. Rückschläge haben ihn dorthin gebracht

Vorbild Miroslav Klose

Das Gegenbild ist Miroslav Klose. Auch seine letzte Saison war ziemlich schlecht. Einem 32Jährigen kann das im Fußball passieren. Aber zur WM wurde er dann doch rechtzeitig fit und ist einer der Top-Torschützen des Turniers.

Seine eigene Aussage: “Ich zweifele nie an mir”. Und das trotz einiger Rückschläge in der zurückliegenden Spielsaison.

Unsere Entscheidung

Beim nächsten Anflug von Selbstzweifeln können wir uns daher gerne fragen: Will ich wie Klose Tore schießen oder wie Mario Gomez mit hängendem Kopf und hängenden Schultern über den Platz laufen? Was ist wohl sinnvoller?

Es ist unsere Entscheidung.

1 Antwort
  1. Irene Wahle
    Irene Wahle says:

    Sehr geehrter Herr Lietz,

    vielen Dank für diesen interessanten Beitrag. Als Biographin habe ich mich des Öfteren gefragt, ob es ihn gibt: den schnurgeraden Weg ohne Ecken und Kanten, ohne Fehlentscheidungen, Selbstzweifel usw.
    Oder ob es gerade dieses Feinschleifen mit allen damit verbundenen Erfahrungen ist, die aus uns die machen, die wir sein wollen.

    Ein besonderer Film hat mir geholfen, auch die Selbstzweifel als wichtigen Wegweiser auf meinem Lebenspfad anzunehmen. In dem gleichnamigen Film sehen wir den Reifungs-und Werdungsprozess der großen Reformators Luther (der übrigens mit seiner Bibelübersetzung die Grundlagen der deutschen Sprache legte) Mit seinen Thesen versetzte er damals seine Zeitgenossen, insbesondere die katholische Kirche, in helle Aufregung.

    Er setzte sich für die Abschaffung des Ablasshandels ein (gegen Entgeld konnte man sich von seinen Sünden freikaufen) und propagierte, dass jeder mit Gott in Zwiesprache gehen kann, der reinen Herzens ist. Das brachte natürlich die damaligen Kirchenfürsten und ihr Oberhaupt, den Papst, gegen ihn auf. Der Ablasshandel war ein lukratives Geschäft, mit dem sich u.a. die Dombauten mit finanzierten. Gottes Wort sollte für den gemeinen Sterblichen nur über die Bibel erfahrbar sein und das aus berufenem Munde eines Klerikers. Aus all diesen Gründen wollte man Luther zwingen, zu widerrufen.

    Das ist der Moment, an dem sich Luther seinen Selbstzweifeln – seinen inneren Teufeln – vollkommen ausgeliefert sieht. Szenisch phantastisch bildhaft ins Blickfeld des Zuschauers gerückt, sehen wir einen Luther, der sich am Boden seiner Zelle wälzt und mit sich selbst und seinen Zweifeln kämpft und hadert. Geklärt geht er aus dieser Auseinandersetzung hervor und kann aufrechten Hauptes seine Meinung vertreten.

    Und er kommt unterstützt durch die gekrönten Häupter seines Landes damit durch …

    Gute Zeit wünscht die
    Biographin Irene Wahle

    P.S. Dieser Artikel kam für mich im richtigen Kairos, wie die alten Griechen den Gott des günstigen Augenblicks nannten. Danke dafür!

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