Entscheidung auf Messers Schneide

image Vor Kurzem brachte Apple Ver­sion 4 seines iPhones auf den Markt. Doch während bereits am ersten Tag 1,7 Millionen Ex­em­pla­re verkauft wurden, machte schon die Nachricht von einem Konstruktionsfehler die Runde.

Das neue iPhone integriert die Antenne in den äußeren Rah­men. Wird es mit der linken Hand am unteren Ende gehal­ten, ver­liert es den Kon­takt zu den Funk­mas­ten. Mit anderen Worten, das Gespräch wird beendet.

Telefonieren ist eine zentrale Funktion eines mobilen Handys, auch wenn das im Zeitalter des iPhone vielleicht nicht mehr ganz so prominent ist.

Schwierige Entscheidung

Für die Apple-Führung stellte sich jetzt die Frage: Wie sollen wir da­mit umgehen? Das ist eine knifflige Entscheidung. Denn wenn ich be­reits am ersten Tag 1,7 Millionen Exemplare meines neuen Produktes in der Wildnis des Marktes aussetze, werden alle Aktionen ziemlich teuer.

Apple entschied sich daher für den anderen Weg. Zuerst gab es kei­nen Kommentar. Später hieß es, dass der Empfang jedes Mobiltele­fons durch die Hand beeinträchtigt werden könnte und es sich zudem um einen Software-Fehler handele.

Die Balkenanzeige für den Funkempfang sei zu optimistisch. Daher bre­che ein angeblich guter Empfang bei der Abdeckung durch den iPhone Todesgriff so schnell ein.

Mit anderen Worten: Habt Euch nicht so! Das iPhone ist nicht das ein­zige Gerät, dass durch die Hand im Empfang beeinträchtigt wird. Da es aber das einzige Gerät ist, dessen Empfang vollkommen zusammen bricht, geben wir einen Software-Fehler zu. Daher gibt es demnächst ein Update.

Auf den Arm genommen

Das Update wird das Problem allerdings nicht beheben, sondern nur dem einstmals stolzen Besitzer die Illusion nehmen, er hätte einen gu­ten Empfang.

Diese Reaktion erinnert an Toyota und sein Problem mit den Bremsen. Das ist kaum ein Dreivierteljahr her und das japanische Unternehmer verspielte damals seinen über Jahrzehnte aufgebauten Ruf. Den Rückruf konnte es damit nur aufschieben, nicht verhindern.

Einige Tage später veröffentlicht “Consumer Reports”, die amerikani­sche Version von Stiftung Warentest einen eigenen Test, in dem die Organisation Apples Darstellung widerspricht. Es handele sich kei­neswegs um einen Software-Fehler, sondern um einen Hardware-Fehler. Das nennt man in Amerika wohl einen “cold slap in the face” oder auf gut deutsch: Da wurde einer ziemlich abgewatscht.

Riens ne va plus! – Nichts geht mehr!

Was steht hier auf dem Spiel? Apple hat es als einziges Enter­tain­ment-Unternehmen geschafft, eine Basis geradezu fanatischer Fans aufzubauen. Viele davon kaufen neue Produkte am Tag der Veröf­fentlichung. Dieser regelmäßig stattfindende Run und die damit verbundene Knappheit über Monate nach dem Marktstart halten die Medien im Atem.

Sie berichten über die langen Schlangen, zusammenbrechende Be­stell­server und Wartezeiten von bis zu 4 Wochen, um das begehrte Produkt in den Händen zu halten. Dadurch fühlen sich viele Menschen angesprochen, die gar nicht vorhatten, eine Neuanschaffung zu ma­chen. Denn plötzlich muss man das neue Produkt haben, um cool und hip zu sein.

Was lernen loyale Fans von Apple?

Apple Produkte werden weiterhin cool sein. Aber es ist eine gute Idee, erst einmal abzuwarten, bis alle Produktfehler bekannt und beho­ben sind.

Als Reaktion auf die Entwicklung nahm der Apple-Kurs einen kleinen Tauchgang von zehn Punkten von 256 US$ je Aktie auf 246 US$.

Das entspricht einem Verlust von ca. 9 Mrd. US$ Marktkapitalisierung. Noch aber vertraut der Markt darauf, dass Steven Jobs die Misere irgendwie lösen kann.

Tatsächlich gibt es eine einfache Lösung. Als iPhone-Benutzer müssen Sie nur eine Hülle nutzen, um den direkten Kontakt der Hand mit dem Metallrahmen zu unterbinden. Voilà! Schon bleibt der Empfang erhal­ten. Für Apple wäre es also einfach, seine Kunden zufrieden zu stel­len. Jeder Kunde bekommt einfach eine Gratis-Hülle.

Apple, kiss this one goodbye!

Bisher musste das Gummi-Teil extra gekauft werden für den Freund­schaftspreis von rund 30 US-Dollar.

Welche Kosten entstünden Apple durch eine Gratis-Hüllen Aktion? Vermutlich liegt der Einkaufspreis für die Hülle bei einem zweistelli­gen Cent-Betrag. Daher entstehen die eigentlichen Kosten durch die Logistik, vulgo Versand.

Aber je länger das Unternehmen mit einer “freiwilligen” großzügigen Geste wartet, desto mehr leidet sein einmaliger Ruf darunter.

Vielleicht werden wir in einigen Jahren konstatieren: Das war der Moment, an dem Apple alles verspielt hat.

Entscheidungen geben unserem Handeln eine Richtung. Mir gefällt in diesem Fall das Ende, zu dem sie führt nicht.

Die Spannung steigt

Ich bin gespannt, wie Apple mit dem sich entwickelnden PR-Desaster umgehen wird. Bisher hat sich das Unternehmen als wenig lernfähig erwiesen. Allerdings hat Apples Sicht des Marktes so gut wie jeden Wettbewerber bisher immer auf dem falschen Fuß erwischt.

Wer weiß, vielleicht möchten Apple-Fans gerne belogen werden?

Wir werden sehen, ob Apple diesen Geist wieder in die Flasche zurück bekommt. Zumindest eines ist klar. Das Unternehmen muss jetzt einige herausragend gute Entscheidungen treffen.

Update

Laut N-TV raten Experten Apple zu einer Rückrufaktion. Dieser Schritt sei unumgänglich.

Update 2

Apple gibt auf. Zumindest scheint das die Ankündigung der morgigen Pressekonferenz zu besagen. Allerdings könnte der Wahrgenommene Konstruktionsfehler auch ein Feature sein. Wer kann schon den Empfang seines Handys mittels Handgeste abschalten? 😛

via Gottabemobile