Fehlende Gestaltungsmacht und die Folgen

image Entscheidungen gehen mit Gestaltungsmacht einher. Je weniger Gestaltungsmacht wir haben, desto weniger können wir entscheiden.

Zur gestrigen Wahl unsers Bundespräsidenten haben wir viel Interessantes gehört. Un­sere Kanzlerin hat eine Schlap­pe hinnehmen müssen, denn ihr Wunschkandidat bekam erst im dritten Wahlgang die nötige Mehrheit.

Ob Herr Wulff oder Herr Gauck gute Kandidaten für das Amt sind, soll uns hier nicht weiter interessieren. Darüber soll die politische Presse schreiben und analysieren. Dazu ist sie da.

Ohnmächtig(?)

Viel spannender ist doch die Frage, was wir aus der Sicht eines Entscheiders daraus entnehmen können. Keiner der Delegierten der Bundesversammlung hatte wirklich Gestaltungsmacht in der Sache.

Die Kandidaten stehen natürlich fest. Aber es zeigt sich, dass einige Delegierte des konservativen Lagers gerne eine andere Entschei­dung getroffen hätten. Und damit meine ich nicht die Kandidatenfrage.

Misstrauen

Die aktuellen Meinungsumfragen und die Wahlen in NRW tragen die Handschrift einer großen Unzufriedenheit mit unserer politischen Führung. Da muss es nicht wundern, dass unsere Volksvertreter ähnlich denken.

Die Delegierten haben ihre Gestaltungsmacht genutzt, um eine versteckte Vertrauensabstimmung über das Regierungshandeln durchzuführen. Zwar glaube ich nicht, dass sich hier eine Gruppe von Abweichlern organisiert hat. Verschwörungstheorien gibt es schon genug. Aber im Ergebnis war es ein Misstrauensvotum gegen die Kanzlerin.

Kandidat und Denkzettel

Aber anders als bei der Vertrauensfrage im Deutschen Bundestag bleibt es ohne Konsequenz. Daher ist es ehrlich. Bei einer echten Ver­trauensfrage hätten unsere Parlamentarier wohl nicht sehenden Au­ges ihren Arbeitsplatz aufs Spiel gesetzt.

Frau Merkel hat ihren Denkzettel und ihren Präsidenten bekommen. Damit haben die Delegierten den eigenen Gestaltungsspielraum voll ausgenutzt.

Der jetzt rauschende Blätterwald wird in wenigen Wochen vergessen sein. Die Wahl schon nächste Woche. Wir Deutschen können nicht anders. Wir lieben unsere Bundespräsidenten, egal welchen Job sie früher gemacht haben.

Ideal wäre ein Visionär plus knallhartem Management

Auch wir als Volk hatten schon einmal die Wahl zwischen zwei sehr unterschiedlichen Führungspersönlichkeiten.

Da gibt es Einen, der die Vision einer “Neuen Mitte” entwickelt und ins Volk getragen hat. Dabei war er so überzeugend, dass er die eigene Partei aus ihrer Verankerung gerissen hat. Nach dem Erfolg kam der Katzenjammer, weil sich die Vision im politischen Tagesgeschehen zerrieb, ohne sie umsetzen zu können.

Die Andere ist Pragmatikerin. Sie liebt Ergebnisse und teilt sie gerne mit dem staunenden Volk, nachdem alles bereits gelaufen ist. Vision zu haben und zu kommunizieren liegt ihr nicht.

Am liebsten hätten wir beide im Doppelpack gehabt. So zumindest das Wahlergebnis der Bundestagswahlen von 2005. Leider fühlte sich der Visionär vom Volk gedemütigt und schmiss den Bettel nach den Koalitionsverhandlungen hin.

Die Zeiten ändern sich, doch wo ist der Veränderer?

Die letzten zweieinhalb Jahre stellten unsere Welt des Wachstums und der Sicherheit auf den Kopf. Erst waren die Banken pleite, jetzt sind es die Staaten.

Auf der Hand liegt, dass sich vieles ändern muss. Jetzt bräuchten wir einen Visionär, der uns nicht nur seine neue Vision verkauft, sondern sie auch mit einer knallharten Managerin umsetzt.

Leider ist Westerwelle kein Visionär und Merkel zu hart, um ein FDP-Konzept umzusetzen.

Überflüssiger Denkzettel

Meiner Meinung nach brauchte Frau Merkel den Denkzettel nicht. Sie weiß, dass sie etwas ändern müsste. Sie wird nur ihren Führungsstil nicht ändern können. Aber vielleicht hat sie ja Glück. Die Wirtschaft zieht wieder an, die Arbeitslosenstatistik zeigt steil nach unten.

Da werden die Menschen der Angela nicht lange grollen können. Trotzdem schade, dass wir keine gemeinsame Vision haben, wie Deutschland im 21. Jahrhundert erfolgreich sein kann.

Beispiel Bildung

Bestes Beispiel: Das Thema Bildung. Jeder weiß, dass Humankapital in den nächsten Jahren die wichtigste Ressource sein wird. Wir sprechen daher in der öffentlichen Diskussion über die Qualität unserer Schulbildung und unserer Hochschulen.

Wissen veraltet heute so schnell, dass ein Ingenieur den Vorsatz “Diplom” nach fünf Jahren gar nicht mehr führen dürfte. Macht er aber auch nach 25 Jahren noch, selbst wenn er schon seit zwei Jahren arbeitslos zu Hause sitzt.

Sinnvoll wäre daher eher der Ansatz: lebenslange Schule. Das lässt sich mit Hilfe des Internets auch sehr pragmatisch lösen. Wir hätten dann auch keine jungen Menschen ohne Schulabschluss. Nach der Maßgabe “Keiner wird zurückgelassen”, müssen Schulversager so lange einen Präsenzunterricht besuchen, bis sie es geschafft haben.

Ohne Vision ist so ein Bildungskonzept nicht zu vermitteln, auch wenn es sinnvoll wäre.

Aber wer möchte schon jedes Jahr freiwillig einige Wochen sein Wissen auffrischen und eine Prüfung darüber ablegen? Schließlich haben bereits vor Jahren drei Kreuze geschlagen und das Bildungssystem hinter uns gelassen, oder?