Genius und Geniestreich

Elisbeth Gilbert: Ein neuer Weg, wie wir Kreativität verstehen könnten.

Geht Ihnen das auch manchmal so? Sie schauen sich eine Ihrer früheren Arbeiten an und sind überrascht, wie gut Sie damals waren. Vielleicht fragen Sie sich sogar: Habe ich das wirklich selbst gemacht?

Mir geht es häufig so, wenn ich eines meiner Bücher aufschlage, einen alten Blogbeitrag lese oder ein Video meiner Vorträge sehe.

Der nächste Gedanke ist entscheidend. Einige von uns denken dann: »Ja, das war ich!« Viele andere dagegen machen vielleicht günstige Umstände dafür verantwortlich. »Ich habe Glück gehabt!«

Die Selbstwertfrage

Laut Martin Seligman, dem Begründer der positiven Psychologie, dürfen wir uns mit letzterer Einstellung den Pessimisten zuordnen. Das mag stimmen, allerdings ist es sicherlich auch eine Frage des  Selbstwerts.

Ich frage mich beispielsweise manchmal, ob ich noch einmal etwas so Gutes schreiben werde. Rational gesehen ist das lächerlich. Denn aufgrund von Übung und Erfahrung werden wir zwangsläufig immer besser.

Es müsste also mit dem Teufel zugehen, wenn mein nächstes Buch nicht noch besser sein sollte, als die drei vorherigen. Allerdings können wir diese Frage nicht rein logisch sehen.

Scheitern vorprogrammiert

Als Blogger bestätige ich mich dabei auch noch selbst. Denn nicht jeder Beitrag, den ich heute schreibe ist besser als so mancher Beitrag aus dem Jahre 2007. 😮

Aber das ist eine Betrachtung, bei der ich nur verlieren kann. Denn natürlich schaue ich auf die besten Beiträge von 2007 und vergleiche sie mit den weniger guten Beiträgen aus der Jetztzeit.

Dabei entdeckte ich schon während meiner Zeit als Redakteur bei der Schülerzeitung, dass ich eine gute Schreibe habe.

Ich erinnere mich noch gut daran, als ich einen Beitrag über unsere Rudermannschaft und unser Abschneiden bei Jugend trainiert für Olympia geschrieben hatte. Die Schulsekretärin, die unsere Artikel prüfen und freigeben musste, meinte damals: Das war ja unfassbar spannend! Das war es wirklich, denn mitten im Finalrennen fuhr unser Boot über eine wilde Boje und unsere Achter war plötzlich steuerlos, weil das Steuerseil – Zing –, wie eine Gitarrenseite gerissen war. 😯

Die alten Schätzchen meines Blogs sind also durchaus lesenswert.

Verlässlichkeit von Inspiration

Das grundsätzliche Problem ist auch nicht Können, sondern Inspiration. Jeder kann einen netten Text schreiben, aber wenige schreiben inspirierte und inspirierende Texte.

Je häufiger mir das gelungen ist, desto größer ist der Druck, es beim nächsten Mal zu wiederholen. Schließlich darf ich nicht unter meine eigenen Standards fallen. Allerdings ist Stress kein guter Inspirator.

Ja! Auch ich habe unter Druck schon hervorragende Ergebnisse erzielt. Entspannt gelangen mir dagegen die Meisterstücke meines Schaffens.

Wie können wir diesen Druck von uns nehmen?

Mir gefällt eine Vorstellung der Autorin Elisabeth Gilbert. Sie verweist auf die klassische Tradition. Die alten Griechen und Römer hatten ein ganz anderes Bild von Können. Nach griechischer Vorstellung hatten inspirierende Menschen einen Dämon, der ihnen das Wissen der Götter zuflüsterte.

Im alten Rom sprach man nicht vom Dämon, sondern vom Genius, einem Geist, der uns geniales leisten lässt.

Gilbert findet diese Vorstellung tröstlich. »Wenn Du Dein Bestes gibst und es trotzdem nichts wird, dann liegt es an Deinem lahmen Genius.«

Als Coach macht einem diese Aussage skeptisch. Denn Selbstverant­wortung ist wichtig, damit wir unser Schicksal selbst gestalten.

Zumal es auch andere Wege gibt: Ein NLP-Anwender würde sich einfach in eine kreative Grundstimmung versetzen. Wenn wir einmal dort waren, können wir das Gefühl jederzeit kopieren.

Allerdings spricht Gilbert auch davon, dass wir zuerst unser Bestes geben sollten, vielleicht inklusive einer NLP-Kreativtechnik. Wir haben dann unseren Teil getan. Wir warten dann auf unseren nächsten Geniestreich.

Falls unser Genius heute verkatert ist, können wir ja solange den Vortrag von Elisabeth Gilbert auf Video ansehen. 😛

Elisbeth Gilbert: Ein neuer Weg, wie wir Kreativität verstehen könnten.