Gestaltungsfreiheit in der Krise

Vor einigen Wochen habe ich im Auftrag der Wirtschaftsförderung Bad Homburg einen Vortrag gehalten. Für ein paar Vorbereitungen kam ich etwas früher. Während ich so vor mich hin werke, füllt sich der Saal mit Gästen und die ersten Gespräche branden auf.

Small Talk

Das Thema: Die Krise und Probleme mit dem Geschäft. Selbständige, die seit Monaten keine neuen Aufträge bekommen haben, Manager, die um ihre Jobs fürchten und Unternehmer, die nicht wissen, ob sie sich noch “Unternehmer” nennen dürfen.

Das Lamento hören wir in diesen Tagen häufig. Denn ein Jahr Krise hat ihre Spuren hinterlassen. Für Viele sind die Gestaltungsspielräume minimal geworden.

Fehlende Gestaltungspielräume

Über Gestaltungsspielräume habe ich schon viel geschrieben. Allerdings merken wir inmitten einer Krise, was es wirklich für uns bedeutet, wenn sie fehlen. Wir können nicht frei handeln, nicht mehr das tun, was wir wollen, sondern was uns die Situation diktiert.

Da kann man nichts machen, die Krise ist daran schuld! Vielleicht denken das Viele, aber so ist es leider oder vielmehr zum Glück nicht.

Unsere heutigen Gestaltungsspielräume sind das Ergebnis unserer vergangenen Entscheidungen. Das haben Sie hier bestimmt schon gelesen, oder?

 

Umweltbedingung statt Fremdsteuerung

Die Krise stellt unsere Umweltbedingungen. Legen wir keinen Wert auf eigene Gestaltungsspielräume werden wir von ihnen mitgerissen, immer so, wie sie sich gerade entwickeln.

Die Mitgerissenen erkennen wir leicht. Als die Krise losbrach haben sie gleich die interessantesten Katastrophen-Szenarien entwickelt. Sie haben kein Geld mehr ausgegeben und nur das Schlimmste befürchtet.

Ein paar Macher dagegen haben sich überlegt, wie sie die Krise zu ihrem Vorteil nutzen können.

Ja, klar! Die Unternehmer haben es gut! Denken Sie jetzt vielleicht. Aber nein! Auch als Angestellter hätten Sie die Krise nutzen können. Wer Gestaltungsspielräume hat, ist frei. Wie bekommen wir so eine Freiheit als Angestellter?

Gestaltungsfreiheit für den Abhängigen

Eine der wichtigsten Freiheiten in einer Wirtschaftskrise ist es, selbst entscheiden zu gehen, ob und wann man das Unternehmen verlässt.

Damit wir diese Freiheit haben, müssen wir uns unverzichtbar machen. Ein Angestellter, der jeden Monat neue Sparmöglichkeiten in seiner Abteilung erarbeitet und dem Chef präsentiert, ist zu wertvoll, um ihn gehen zu lassen.

Auch Lieferanten und Selbständige sind frei

Ein Lieferant, der die Krise nutzt, um die Prozesse mit seinem Kunden noch besser abzustimmen, macht sich unverzichtbar.

Ein Selbständiger, der regelmäßig seine Kunden einlädt, um Wertschöpfungsnetzwerke zu schaffen und neue Krisenchancen zu erarbeiten ist ebenfalls unverzichtbar. Insbesondere, wenn wir nur eingeladen werden, wenn wir auch tatsächlich Umsätze mit ihm machen.

Was Mitarbeiter allgemein können, um sich unverzichtbar zu machen, lesen Sie am besten in der Karrierebibel von Jochen Mai nach.

Das Wasser bis zum Hals

Angenommen, wir haben die Karre bereits in den Dreck gefahren und unsere Gestaltungsspielräume liegen nahe Null. Der Job wackelt wie der Milchzahn eines Fünfjährigen, die Raten für das Haus fressen die wenigen Ersparnisse auf und ob der Partner noch lange bei der Stange bleibt, ist auch zweifelhaft.

Die Unendlichkeit unserer Handlungsalternativen

In solchen Fällen haben sich die unterschiedlichen Problemfelder vernetzt und rauben uns oft jegliche Handlungsfreiheit. Das Erste was dann zu tun ist: Werfen Sie Ihre Scheuklappen ab. Es gibt immer unendlich viele Handlungsalternativen in jeder Situation. Viele davon wollen wir allerdings nicht sehen.

Augen auf!

Zum Beispiel könnte es ja sinnvoll sein, das Haus zu verkaufen. Offensichtlich überfordern uns die Raten. Wir haben also mit dem Hauskauf eine Entscheidung getroffen, durch die unsere Gestaltungs-Spielräume stark geschrumpft sind. Wenn wir nach Fehlern suchen, dann gehören solche Käufe dazu.

Verkaufen wir das Haus, weicht erst einmal der finanzielle Druck. Mag sein, dass der Lebenstraum damit zunächst mit verkauft wurde, aber für gute Entscheidungen ist auch das Timing wichtig.

Manches löst sich von selbst

Weicht erst einmal der finanzielle Druck, klappt es vermutlich auch mit dem Partner besser. Denn wo finanzielle Sorgen durch die Tür kommen flüchtet die Liebe oft aus dem Fenster. 😮

Sind die Geldsorgen vom Tisch, könnten wir vielleicht auch in unserer Arbeit das entsprechende Engagement zeigen und täglich die Extrameile gehen.

Arbeit bietet Sinn und macht Spaß

Vielleicht hatten wir die Arbeit aber auch angenommen, weil wir dort mehr Geld verdienen konnten als woanders. Dann suchen wir uns besser einen Job, bei dem wir uns voll einbringen und persönlich wachsen können.

Das alles sind Handlungsalternativen. Ich sage nicht, dass sie leicht umzusetzen sind, aber sie sind da, auch wenn wir sie vielleicht vorher nicht sehen wollten.

Ein Gestaltungsspielraum ist die Handlungsfreiheit, die wir in einer Situation haben. Nicht immer bekommen wir exakt das, was wir wollen. Das ist dann allerdings das Ergebnis vergangener Entscheidungen, in den wir es vermieden haben unsere Gestaltungsspielräume zu erweitern.

Denken Sie bei jeder neuen Entscheidung darüber nach: Schafft das für meine Zukunft neue Gestaltungsspielräume oder engt es mich ein?

So könnte es sein

Stellen Sie sich vor, wie es wäre, wenn eine Krise nur eine Umweltbedingung ist und sie durch sie erfolgreicher werden, weil die meisten anderen den Mut verloren haben.

Stellen Sie sich weiter vor, dass sie in Zukunft nur noch etwas tun, weil sie es w o l l en und nicht weil sie es m ü s s e n. Wäre das nicht toll?