Schach dem Entscheider!

Fotolia_466112_S_Schach_am_Zug Mein Vater brachte mir das Schachspielen mit 4 Jahren bei. Überflüssig zu sagen, dass ich damals jede einzelne Partie verlor. Das machte zwar keinen Spaß, aber ich habe natürlich auch jedes Mal etwas dazu gelernt.

Trotzdem wollte ich immer wieder spielen. Was trieb mich zu diesem Masochismus?

Zum einen verbrachte ich so Zeit mit meinem Vater, zum anderen ist dieses Spiel ausgesprochen faszinierend. Mit seinen verschiedenen Figuren, ihren Fähigkeiten und den unterschiedlichen Spielabschnitten.

Die Eröffnung

Am Anfang hat der Spieler noch alle Möglichkeiten. Er spielt, wie die Profis sagen, seine Eröffnung. Das Spiel kann sich von hier in alle Richtungen entwickeln. Der Anfänger ist dabei meist gelangweilt, denn natürlich möchte er Action sehen. Tatsächlich aber entscheidet sich in diesen ersten Zügen schon meist das ganze Spiel. Wie im richtigen Leben. Wer bei uns durch eine gute Ausbildung die richtigen Voraussetzungen schafft, hat “sein Spiel” schon halb in der Tasche.

Das Mittelspiel

Später im Spielverlauf sieht der Gegner vielleicht seine Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Oder was viel schlimmer ist: Er hat keine Wahl und muss einen Zug machen. Daher kommt auch das Begriff, “jemanden unter Zugzwang zu setzen”. Auch das kennen wir zur Genüge aus der eigenen Erfahrung.

Wie überall gibt es verschiedene Qualitäten von Spielern. Die einen wissen, wie die verschiedenen Figuren ziehen können, aber scheitern oft schon am Überblick.

So passiert es im Schach relativ oft, dass ein Spieler sich triumphierend im Angriff sieht, aber nicht weiß, dass er im nächsten Zug schachmatt gesetzt wird. Diese Situation dürfte Wendelin Wiedeking inzwischen nur zu bekannt vorkommen. In seinem Autogeschäft war er einer der besten denkbaren Spieler. Aber im Übernahmegeschäft durfte er noch dazu lernen.

Besser sind natürlich die Spieler, die das Spielfeld gut einschätzen können und die Chancen und Risiken der nächsten Züge sehen.

Am oberen Ende der Nahrungskette gibt es die Vorausdenker. Sie schauen nicht nur die nächsten drei Züge nach vorne. Nein Sie haben schon weit im Voraus eine Situation im Kopf, die sie erreichen wollen. Durch sie geraten alle anderen Spieler früher oder später in Zugzwang. Ich in überzeugt davon, dass Ferdinand Piëch so ein Spieler ist. Man mag ihn sympathisch finden oder nicht, aber am Ende hat er alles durchgesetzt, was er immer wollte.

Das Endspiel

Spielen alle Spieler einigermaßen gleichwertig, kommt es zum Endspiel. In ihm sind nur noch wenige Figuren auf dem Spielfeld, alles scheint übersichtlich. Aber tatsächlich kommt es hier oft auf kleine nebensächliche Züge an.

Das Endspiel kennt einige Finessen. So gelingt es klugen Spielern oft, der Überlegenheit den Figuren des Gegners so lange zu entkommen, bis es zum Remis kommt. Beide einigen sich, dass keiner von beiden gewinnen kann.

Unser Leben ähnelt dem Schach

Das Schachspiel ist deshalb so faszinierend, weil es sehr schön das Leben abbildet. Wer nur weiß, wie er sich im Leben durchschlägt und vielleicht nur die Situation überblickt, gerät früher oder später in Zugzwang. Verlieren wir an dieser Stelle unsere Illusion von Kontrolle, dann bekommen wir sie selten wieder zurück.

Wer dagegen ein langfristiges Bild verfolgt, hat die Kontrolle.

Denn er widersteht der Versuchung, ständig die Situation zu optimieren. Denn für jede Optimierung gibt es zwangsläufig eine Grenze. Stattdessen unternimmt der die notwendigen Schritte, um am Ende seine Vision zu verwirklichen.

Es ist letztlich der Unterschied, ob ich agiere oder reagiere. Kontrolle über das eigene Schicksal habe oder unter Zugzwang stehe.

Scheuklappe

Ein Aspekt verblüfft mich dabei immer wieder. Viele Entscheider, die unter Zugzwang stehen, sehen nicht das große Ganze dahinter. Sie erkennen vielleicht kleinere Fehler, die sie möglicherweise dort hin geführt zu haben. Sie sehen aber nicht ihren Hauptfehler, keine eigene Vorstellung davon gehabt zu haben, wo sie eines Tages landen wollen.

Und das kennen wir vom Schachspielen ja auch.

Zum Glück steht das Wochenende vor der Tür.Dieser Beitrag hat mir wieder richtig Lust auf Schach gemacht.  🙂