Stark gemacht!

imageJeder Mensch ist anders. Das merken wir spätestens, wenn wir andere bei ihren Aufgaben beobachten. Denn abgesehen davon, dass jeder von uns genetisch einzigartig ist, unterschied­liche Wertvorstellungen und Interes­sen hat, ist jeder von uns auch mit einer einzigartigen Kombination von Stär­ken gesegnet.

Viellicht hat ja der eine oder andere Leser meine Lebensbeichte zum Thema Stärken im letzten Dezember gelesen. Inzwischen bin ich selbst ein Stück weiter und schärfe meine Beobachtungsgabe dafür.

Zum Beispiel, wenn wir uns die Biographie von Max Grundig ansehen. Auch wenn von dem Unternehmen heute nur noch die Marke existiert, war Grundig lange Jahre der Markführer in Unterhaltungselektronik schlechthin.

Man könnte Grundig als den Steve Jobs seiner Zeit beschreiben. Denn ähnlich wie die Apple-Ikone hatte er ein klares Gespür dafür, wo sich der Markt hin entwickeln würde und begeisterte seine Kunden mit clever designten Produkten.

Der Anfang

Aber auch ein ganz Großer fängt irgendwann einmal an. Davon möchte ich hier in ein paar Episoden erzählen.

Mit 16 Jahren beeindruckte das Radio den jungen Max so sehr, dass er selbst einen Empfänger baute. Das war 1924. Damals gab es kein Internet. Wer etwas basteln wollte, war auf ein paar spärliche Informationen und sein Denkvermögen angewiesen.

Bewundernswert! Schauen wir genau hin, zeigen sich hier schon die ersten Stärken des späteren Unternehmers. Ganz offensichtlich ist er handwerklich geschickt. Es war auch nicht ganz leicht, an die Bauteile zu kommen, ganz davon abgesehen, dass er kaum Geld zur Verfügung hatte. Letzteres war auch der Grund, warum er überhaupt in die Verlegenheit kam, sein Radio selbst zu bauen. Einen kompletten Empfänger hätte er nie bezahlen können.

Fassen wir unsere Beobachtungen zusammen, kristallisieren sich mehrere Stärken heraus:

  1. Handwerklich begabt
  2. Pragmatisch
  3. Autodidakt
  4. Beschaffungstalent (hat sich die notwendigen Teile organisiert)
  5. Willensstark, zielorientiert

Der Start-Up

Begeisterung ist der Treibstoff für herausragende Leistungen. Daher eröffnete Grundig mit 22 Jahren in Fürth seinen ersten eigenen Radioladen. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass der Verkauf von Radios nicht das Hauptgeschäft sein würde. Stattdessen brachten immer mehr Kunden ihre defekten Geräte, um sie von Grundig repa­rieren zu lassen.

Eine Fürther Besonderheit bereitete ihm den Boden. Denn die Stadt hatte ein Gleichstromnetzwerk, während in der Nachbarstadt Nürnberg Wechselstrom aus der Dose kam. Wer umzog, dem schmorte der Transformator durch.

Jetzt zahlt es sich aus, dass Grundig seine ersten Radios selbst gebaut hatte. Sein Reparaturtalent sprach sich schnell in den beiden Nachbarstädten herum. In seiner Werkstatt stapelten sich die Aufträ­ge.

Grundig war nicht nur von Funk und Fernsehen fasziniert, er war auch ganz offensichtlich ein Unternehmer. Er nutzte die Chance, und schaffte sich eigene Wickelmaschinen an und reparierte defekte Transformatorenspulen in Serie. Bald nahmen die meisten Radioge­schäfte der Städte Nürnberg und Fürth seine Hilfe in Anspruch.

Welche Stärken erkennen wir in diesen ersten Unternehmerjahren?

  1. Handwerklich begabt
  2. Pragmatisch, flexibel
  3. Chancenverwerter, Geschäftstüchtig
  4. Zielorientiert
  5. Beschaffungstalent (hat andere Radiohändler als Kunden für seine Reparaturen gewonnen)
  6. Autodidakt (hat gelernt, die Geräte der verschiedensten Hersteller zu reparieren)

Hoch gepokert und dem Krieg entgangen

Vor Kriegsbeginn 1938 machte Grundig seine erste Umsatzmillion. Doch lange währte die Freude nicht. Denn er wurde von der Wehrmacht eingezogen und in Paris stationiert. Was sollte er tun? Sein mit viel Herzblut aufgebautes Unternehmen drohte zu scheitern.  Ohne ihn würde es nicht lange bestehen.

Aber der Unternehmer war pfiffig. Als der kommandierende General für zwei Wochen in den Urlaub fuhr, meldete er sich bei dessen Stellvertreter bereit, den angeblichen Befehl des Generals auszuführen und sich nach Nürnberg versetzen zu lassen. Der gute General wusste davon zwar nichts, aber Grundig vertraute auf den unbedingten Gehorsam der Untergebenen.

Die Scharade ging auf. Grundig übernahm die Nachtschichten in der Nürnberger Transportkommandatur und arbeite tagsüber in seinem Unternehmen. Dank seines eisernen Willens hielt Grundig diese Doppelbelastung bis zum Kriegsende durch. In der Zwischenzeit florierte sein Unternehmen, weil die Wehrmacht zu seinem größten Auftraggeber wurde.

Der schlitzohrige Grundig machte das Beste aus den Bedingungen. Bequem war das zwar nicht für ihn, aber es hätte ihn auch schlimmer treffen können.

Welche Stärken erkennen wir?

  1. Pragmatisch, flexibel, trickreich
  2. Willensstark, zielorientiert
  3. Beschaffungstalent (sogar die Wehrmacht erkennte das an, indem sie Grundig in der Transportkommandatur beschäftigte)

Als Grundig aus der Krise eine Chance machte

Nach dem Krieg war alles schwieriger. Materialen waren schwer zu bekommen und die Alliierten stellen alle Unternehmer unter Generalverdacht. Aber Grundig hatte zuvor seine rumänischen Zwangsarbeiter so anständig behandelt, dass er nach einem dreitägi­gem Verhör auch gleich einen Reparaturauftrag für die Transforma­toren der US-Army erhielt.

Grundig hatte seit der Gründung seines Unternehmens einen großen Traum gehabt. Er wollte selbst Radios auf den Markt bringen. Doch das war nun verboten. Nicht anders erging es potentiellen Kunden. Wer ein Radio kaufen wollte, musste sich einen Erlaubnisschein besorgen und nur wenige bekamen ihn.

Grundig kam auf die richtige Idee und produzierte ein Kinder-Spielzeug. Den Heinzelmann-Bausatz. Mit wenigen Handgriffen konnten seine Kunden aus den Einzelteilen einen vollwertigen Radioempfänger zusammenstecken. Die geniale Idee schlug ein wie eine Bombe.

Während die Konkurrenz auf Genehmigungen und die Währungsreform wartete, fuhr Grundig seine Produktion hoch und belieferte die ausgehungerten Kunden mit Radioempfängern, für die sie noch nicht einmal eine Erlaubnis beantragen mussten.

Auch in dieser Episode erkenne wir seine bisherigen Stärken wieder:

  1. Pragmatisch, flexibel, trickreich (wie macht man aus einem ge­nehmigungspflichtigen Gerät, das scharfen Kontrollen unterliegt ein harmloses Allerweltprodukt?)
  2. Chancenverwerter, geschäftstüchtig
  3. Willensstark & zielorientiert
  4. Beschaffungstalent,  (Er hat sich intensiv auf dem Schiebermarkt der Nachkriegszeit betätigt, um an Rohmaterialien zu kommen)

Der Rest ist Legende. Nach der Währungsreform gab es in Deutsch­land keine Konkurrenz, die Grundig das Wasser hätte reichen können. Seine Produkte waren preiswert und ihr Design war modern.

Grundig prägte die Unterhaltungselektronik der Wirtschaftswunderzeit. Nachträglich erkennen wir in vielen Episoden ein klares Muster seiner Stärken.

Wo liegen unsere Stärken? Setzen wir sie alle ein?

Wie ist es mit uns? Wenn wir zurückblicken, welche unserer Stärken haben wir erfolgreich eingesetzt? Welche anderen Stärken stehen uns zur Verfügung und nutzen sie nicht genug?

Buchempfehlung

Vielleicht hat mein Artikel den einen oder anderen Inspiriert? Dann empfehle ich diese beiden Bücher. Sie enthalten die Codes für Strengthsfinder 1.0 und Strengthsfinder 2.0. Dabei erfah­ren wir alles über uns, wir jemals wissen wollten. 🙂

2 Kommentare
  1. Kai-Jürgen Lietz
    Kai-Jürgen Lietz says:

    Lieber Herr Dietrich,

    Ich finde es auch schade, dass Marcus Buckingham Gallup verlassen hat. Tom Rath ist nicht unbedingt ein guter Ersatz für ihn. Allerdings ist der Strenghtsfinder 2.0 derzeit der Benchmark, an dem sich alle anderen Tests messen müssen.

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