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Letzte Woche habe ich auf der Didacta in Stuttgart meinen Vortrag “Salomon, Cäsar und die Fugger – auch große Entscheider fallen kleinen Fallen zum Opfer” gehalten. In der anschließenden Fragesession fragte mich eine Zuschauerin, ob man Entscheidungen nicht einfach eine Zeit lang liegen lassen müsste, um sie reifen zu lassen.

Was denke ich darüber? 

Dagegen ist natürlich nichts einzuwenden. Allerdings ist es schade, wenn dann der Zeitpunkt der Entscheidungen gekommen ist und sich bei den Alternativen nichts getan hat. Tatsächlich brauchen wir viele Entscheidungen nicht sofort zu treffen – auch wenn dies heute von vielen Managern gerne praktiziert wird. Allerdings heißt das nicht, dass wir untätig sind.

Entscheidungsklarheit

Ganz wichtig: Wir müssen herausfinden, was wir mit dieser Entscheidung für uns erreichen wollen. Wenn wir das exakt wissen, hilft uns schon einmal unser retikuläres Aktivierungssystem (RAS) und unser Bewußtseinsfilter läßt uns ab diesen Zeitpunkt Informationen wahrnehmen, die uns in der Sache weiterbringen.

Attraktive Alternativen

Wenn wir schon die Zeit haben, warum erarbeiten wir uns dann nicht gleich auch ein paar Alternativen, die unserem Bedarf entsprechen? Das unterscheidet Gestalter und Macher von dem rein reaktiven Normalo.

Unterstützung sichern

Last but not least: Sprechen Sie mit Ihrer Umgebung über die Ziele, die sie gemeinsam haben und sichern Sie sich die Unterstützung für ihre Umsetzung.

Reifen lassen oder Handeln?

Wenn Sie das erledigt haben, können Sie die Entscheidung gerne ein Weile liegen lassen, denn Sie sind optimal vorbereitet. Allerdings kenne ich niemanden, der dann noch warten wollte 😛

© Stephen Coburn - FOTOLIAUnser Urteilsvermögen ist getrübt. Das sagen zumindest viele Psychologen und wir erleben es täglich, wenn wir uns von Menschen getäuscht sehen oder sich herausstellt, dass der Champagner in der schönsten Flasche am schlechtesten schmeckt. 😯

Daher erlebt der Begriff Intuition heute geradezu einen Hype. Unser Unterbewußstein hat über unser ganzes Leben hinweg unbewußt Erfahrungen gespeichert und hilft uns, so die Forscher, bessere Entscheidungen zu treffen, als wir das bewußt tun könnten.

Einige Berater scheuen sich daher nicht, uns zu empfehlen, alle unsere Entscheidungen inituitiv zu treffen. Was ist davon zu halten?

Versuch und Irrtum

In seinem Buch “Bauchentscheidungen” beschreibt Gerd Gigerenzer über zahlreiche Beispiele, in denen sich die Menschen durch einfache Daumenregeln (Heuristiken) die komplexe Umwelt vereinfachen können, ohne dabei einen Verlust in den erzielten Ergebnissen hinnehmen zu müssen. So hat er herausgefunden, dass ein Baseballspieler, wenn er einen hohen Ball fangen will keineswegs in seinem Gehirn eine komplexe physikalische Berechnung mit dreidimensionalen Vektoren anstellt. Er folgt einfach der Regel: “Kommt der Ball hoch, schaue auf den Ball und laufe genau so schnell, dass der Blickwinkel immer konstant bleibt.” Im Ergebniss ist der Spieler dann genau zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle, um den Ball zu fangen.

Ein überzeugendes Beispiel dafür, dass Faustregeln gute Dienste leisten können. Aber nehmen wir einmal an, wir hätten noch nie in unserem Leben mit einem Ball gespielt. Glauben Sie dann ernsthaft, dass wir dann aus dem Nichts heraus, nach dieser Faustregel den Ball fangen werden? Ich zumindest wage das zu bezweifeln. Unser Unterbewußtsein entwickelt die Faustregel also auf der Grundlage von vielen Erfahrungen nach Versuch und Irrtum.

Unwissenheit macht stark?

Aber auch wenn Sie in einem Bereich keine Ahnung haben, sind Sie dazu prädestiniert, sogar bessere Entscheidungen zu treffen als die sog. Experten. Bei einem Experiment mit Finanzanlagen sollten beliebige Passanten auf der Strasse ihre Empfehlungen abgeben, in welche Aktien zu investieren sei. Da keine Profis darunter waren, entschieden sie sich für Unternehmen, deren Produkte sie kannten und die positiv in den Nachrichten vertreten waren. Daraus wurd dann ein Portfolio zusammengesetzt. Dessen Performance übertraf die Portfolios von Anlageprofis in einer Baisszeit um Längen! Was natürlich nicht verwunderlich ist, da in einer Baisse die spekulativen und kleinen Werte am meisten leiden. Was wäre wohl während einer Nebenwerte-Rally passiert?

Es gibt also Ansatzpunkte, wo wir auf Intuition vertrauen können und wo wir vorsichtig sein müssen.

Mir persönlich greift die Sichtweise der Intuitions-Wissenschaftler zu kurz.

Entscheidungen sind richtungsgetriebenes Handeln. Ich muss daher vorher wissen, wo ich ankommen möchte. Wenn ich das auch meiner Intuition überlasse, könnte es sein, dass ich der Anziehungskraft des Mittelmaßes erliege. Denn wieviele Eigenschaften und Ansichten wurden uns während unserer Kindheit implantiert? Kennen Sie keine unbewußten Ängste (Vorurteile), die Sie sich nicht erklären können? Dann wagen Sie einen Blick in Ihr Elternhaus oder Ihre Schulzeit und Sie werden oft die Erklärung in einer sinnfreien Prägung finden.

Ein zweiter wichtiger Punkt ist für mich die Schöpfung neuer Alternativen. Wenn wir ein klares Bild von unserer Zukunft (eine Vision) haben, dann müssen wir selber zu Gestaltern unserer Gegenwart werden. Einfach mal schnell die üblichen ad hoc Alternativen nutzen, die jeder kennt, bringt uns nicht weiter. Wir müssen zu einem gewissen Grad innovativ sein. Wer sich darauf verläßt, dass er intuitiv die richtige von mehreren verfügbaren Alternativen zu wählt, tritt seine Gestaltungsspielräume mit Füßen. 😮

Auf den Kontext kommt es an

Intuition kann uns im richtigen Kontext sehr wertvolle Dienste leisten. Daran habe ich keinen Zweifel. Aber wir sollten diese Fähigkeit intelligent einsetzen. Zum Beispiel, um neue kreative Lösungen zu schaffen oder um unsere getroffenen Entscheidungen abzusichern.

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Ist es Ihnen auch schon einmal so gegangen? Eine bestimmte Nobel-Uhrmarke hat es Ihnen angetan und plötzlich stellen Sie fest, dass es eine ganze Anzahl von Kollegen gibt, die sich den Wunsch bereits erfüllt haben. Vorher ist Ihnen das nie aufgefallen. 😮

Oder Sie möchten bauen und mit einem Mal fällt Ihnen auf, dass es viel mehr Häuser in Fertigbauweise gibt, als Sie jemals gedacht hätten. Schuld an dieser neuen Beobachtungsgabe ist Ihr sogenanntes retikuläres Aktivierungssystem (RAS).

Unsere Umwelt besteht aus Millionen von Reizen, die unsere Sinne wohl wahrnehmen, aber nicht an unser Wachbewußtsein zur Verarbeitung weiter geben. Denn unser Bewußtsein ist dafür schlichtweg nicht ausgelegt.

Was würde es Ihnen auch bringen, wahrzunehmen, dass sich die Lichverhältnisse durch die Verschiebung von ein paar Wolken um ein paar Lux verändert haben? Was würde es Ihnen bringen, zu realisieren, dass in einiger Entfernung eine Maus in einem Abfluss verschwindet oder ein Fliege sich auf einem Baum niederläßt? Das sind alles Informationen, mit denen Ihr Bewußtsein völlig unnötig belastet würde und daher zu recht ausgeblendet werden. Weiterlesen