Tanz mit der Leiche im Keller

image Jahrelang hat Gerd Becker im Konkurrenzkampf mit seinem größeren Konkurrenten gestanden. Heute ist sein ehemalige Widersacher Max Witzel sein Schwiegervater. Becker leitet inzwischen die gemeinsame Firma nach der privaten und geschäftlichen Fusion.

Oft hatte er sich gefragt, was sein heutiger Schwiegervater wohl anders gemacht hat, wenn der ihm wieder einen Auftrag vor der Nase weggeschnappt hatte. Die Auftragsflaute im vergangenen Jahr gab Becker Zeit, die alten Akten zu studieren.

Ein Schocker

Was er dort zwischen den Zeilen las, ließ ihm den Atem stocken und die Haare zu Berge stehen. Der Grund, warum sein Schwiegervater so oft siegreich aus den Bietergefechten hervorging war ganz einfach.

Der Alte “schmierte” die Entscheider auf der Kundenseite. So spendierte er ein Workshop-Meeting auf Gran Canaria, organisierte eine Wandertour in den Alpen oder lud seine Kunden zu einer Safari nach Afrika ein.

Empörung

Becker ist empört. Er hatte sich immer fair verhalten. Am liebsten möchte er seinen Schwiegervater anzeigen. Aber er liebt seine Frau und das noch junge Eheglück könnte darüber vielleicht zerbrechen. Zudem würde es die gemeinsame Firma in den Abgrund reißen.

Auf sich beruhen lassen wollte Becker die Sache aber nicht. Daher stellt er Witzel zu Rede.

Nachdenken

Zumindest wollte er das.

Er denkt noch einmal nach. Was will Becker erreichen? Egal ob Witzel sich entschuldigt oder sogar eine Selbstanzeige in Betracht zieht. Für Becker ändert es nichts. Sein Schwiegervater könnte auch uneinsichtig sein und seinen Nachfolger als “Weichling” bezeichnen.

Also was soll das Ergebnis sein? Becker denkt lange darüber nach und kommt zu keinem befriedigenden Ergebnis. Denn es gibt keinen Ausgang, mit dem er zufrieden wäre. Ein Dilemma.

Die Wahrheit

Stattdessen lässt er beim nächsten gemeinsamen Zusammensein ohne jede moralische Wertung durchblicken, dass er die Akten gelesen hat.

Nach einem Moment der Stille, in dem man eine Feder hätte fallen hören, räuspert sich Witzel.

“Ich weiß, dass es falsch war und habe mich daher vor Jahren selbst angezeigt, die Strafe gezahlt und die Bedingung erfüllt, mich aus der Firma zurückzuziehen. Ich bin froh, dass eine so feine Person wie Du die Firma jetzt führt.”

Ende gut

Was sollte Becker dazu sagen? Es wäre gut gewesen, wenn er alle Hintergründe gekannt hätte. Aber dieses Ergebnis versöhnt ihn dann doch.

Sein Schwiegervater hatte vor Jahren den Mut zur Wahrheit und kann deshalb jetzt zu seinen Taten stehen. Die Wahrheit befreit. Und seltsamerweise ist Becker froh, dass er von selbst hinter die Sache gekommen ist.

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