Wachtmeister Faust im Angesicht der Zeugin

Es gibt Momente, die möchten wir einfach zurückdrehen, bevor sie passiert sind. Denn ohne große Ankündigung steht plötzlich und unerwartet unser Schicksal auf dem Spiel.

So geht es jetzt vielleicht einem Polizisten in München. Heute früh zeigt die BILD das Foto einer jungen Frau mit gebrochener Nase und blauem Auge. Das Ergebnis eines Nachmittags im Polizeigewahrsam. So jedenfalls verkauft das Boulevard-Blatt die Nachricht.

Was war passiert? Die Junge Frau ruft bei einem Streit mit ihrem Freund die Polizei. Die Beamten nehmen beide mit aufs Revier. Dort gerät die 22-Jährige (nennen wir sie Viktoria) auch mit den Beamten aneinander. Der Streit eskaliert so weit, dass die Polizisten sie in eine Zelle verfrachten und auf einer Bank fixieren wollen. Dabei spuckt sie die Beamten an und tritt um sich.

Was dann passiert ist noch strittig. Das Ergebnis allerdings nicht. Einer der Polizisten (nennen wir ihn Wachtmeister Faust) schlägt Viktoria mit der Faust ins Gesicht. Als Leser bin ich erst einmal schockiert!

Es folgt eine Anzeige wegen Körperverletzung im Amt. Kommissar Faust nimmt für sich die unbeabsichtigte Wirkung einer Abwehrbewegung in Anspruch und hat seinerseits Anzeige gegen Viktoria erstattet.

Als Außenstehende wissen wir nicht, was sich tatsächlich zugetragen hat. Wir wissen allerdings, wie die Zukunft aussieht. Wenn Viktoria nicht gerade dabei war, das gesamte Polizeipräsidium mit Mann und Maus in die Luft zu sprengen, kann Wachtmeister Faust auf einen Schlag (Wortspiel beabsichtigt) seine Zukunft verlieren.

Von dem Vorfall gibt es eine Videoaufzeichnung, die als Beweis für Gericht zugelassen werden soll.

Was kann er jetzt tun?

Die Schuld oder Unschuld der Beteiligten spielt hier keine große Rolle. Denn das Foto übt eine starke Wirkung auf die öffentliche Meinung aus: So etwas darf einer jungen (wehrlosen) Frau im Polizeigewahrsam nicht passieren!

Da mag sie den Beamten bespuckt und getreten haben. Das spielt keine Rolle mehr! Das Foto erzählt alles über die Geschichte, war wir wissen müssen.

Ich kenne das Dienstrecht bayerischer Beamten nicht. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass Wachtmeister Faust bald als »Herr« Faust ein Kunde der Agentur für Arbeit ist.

Ich weiß nicht, ob »Polizist« Wachtmeister Fausts Traumberuf ist. Aber gehen wir einfach einmal davon aus.

Üblicherweise empfehle ich, dass wir uns mehr auf die Zukunft als auf die Situation konzentrieren. Denn die Situation ist immer das Ergebnis der Vergangenheit und an der können wir nichts mehr ändern.

In diesem Fall gilt das zwar auch, aber wegen der geringen Flexibilität im Dienstrecht spielt die Situation eine große Rolle. Denn es kommt ganz darauf an, wie wir die Situation meistern.

Wachtmeister Faust will also auch in Zukunft Polizist sein und braucht eine optimale Lösung der Situation.

Bürokratie Strategie: Bei dieser Strategie überlässt der Entscheider sein Schicksal dem dafür vorgesehen Weg. Das ist immer dann sinnvoll, wenn die Risiken nicht all zu groß sind. Wachmeister Faust vertraut dem üblichen Rechtsweg und lässt seine Kollegen als Zeugen aufmarschieren. Die Video-Aufzeichnung ist allerdings problematisch, weil niemand weiß, wie die Richter sie interpretieren werden.

Ehrlichkeit Strategie: Diese Strategie heißt nicht etwa so, weil der Entscheider reinen Tisch machen wollte. Er gibt sich den Anschein von Ehrlichkeit, indem er z.B. seine eigene Verantwortung einräumt. Wachtmeister Faust entschuldigt sich daher vor Gericht für den unbeabsichtigten Faustschlag und gibt eine Teilschuld zu. Er hätte vorsichtiger sein müssen.

Diplomatie Strategie: Wachtmeister Faust einigt sich mit Viktoria und bietet ihr ein Schmerzensgeld weit oberhalb dessen an, was das Gesetz ihr zusprechen würde. Im Gegenzug lässt sie ihre Anzeige fallen.

Mangel an Strategien

Erstaunlicherweise fallen mir keine weiteren Strategien dazu ein. Der Beamtenstatus genießt in Deutschland Privilegien. Wer da in die Mühlen des Gesetzes gerät, hat meist nicht viele Optionen.

Allerdings kann Wachtmeister Faust in Zusammenarbeit mit seinem Anwalt die jeweils schlimmsten Fälle bestimmen, bei denen der Polizist gerade noch seinen Job behalten würde. Danach könnten sie zusammen überlegen, was passieren müsste, damit die Richter maximal so ein Urteil fällen. Daraus ergeben sich in der Regel weitere Handlungsalternativen.

In der heutigen Zeit mit Twitter, Facebook und so weiter ist es schwer, solche Fälle stillschweigend zu lösen. Nachdem BILD ein Foto von Viktoria gezeigt hat, gieren die Boulevardmedien natürlich auf ein Bild vom »Prügelcop«. Je länger das Verfahren also dauert, desto unfairer wird Wachtmeister Faust behandelt werden.

Audiatur et altera pars

Allerdings bemerken einige BILD-Leser nicht ganz zu unrecht, dass das Opfer wohl auch kein Unschuldsengel sein kann, wenn Viktoria Beamten tritt und die Lama Strategie wählt.

Wie dem auch sei. Ich wette, Wachtmeister Faust, wäre lieber in einem Parallel-Universum, in dem er an dem bewussten Tag keinen Dienst hatte.

Meine Entscheidung

Ach so! Du möchtest gerne wissen, für welche Alternative ich ich mich entscheiden würde? Dafür brauche ich keinen Entscheidungsbaum. Die Diplomatie Strategie nimmt Viktoria aus dem Spiel und schiebt das Verfahren in die Nichtöffentlichkeit eines Disziplinarverfahrens. Wachmeister Faust hätte für seine Zukunft so am wenigsten zu befürchten.

Allerdings weiß ich nicht, ob ein Polizeibeamter in München genügend sparen kann, um sich für diese Alternativen entscheiden zu können.