Was wäre Deutschland ohne Wiedervereinigung?

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Heute am 3. Oktober feiern wir zum zwanzigsten Mal die deutsch-deutsche Wiedervereinigung. Die Einheit ist für viele Menschen im Osten ein Segen gewesen. Auch wenn die Erinnerung je nach heutiger Lebenssituation anders ausfallen mag.

Ich weiß, die Frage ist müßig. Aber was wäre gewesen, hätte es die Wiedervereinigung nicht gegeben?

Natürlich denkt man in so einem Fall an die gewaltigen finanziellen Lasten, die wir nicht nur über unsere Steuergelder (Länderfinanzausgleich und Solidaritätszuschlag) sondern auch über die Sozialsystem, wie z.B. die Rentenfinanzierung geleistet haben.

Viel spannender finde ich aber, wer die Bundestagswahl 1990 gewonnen hätte. Denn ohne die Wiedervereinigung wäre die Regierung Kohl nicht wiedergewählt worden.

Der Kanzler Lafontaine

Und wer wäre es dann geworden? Oskar Lafontaine! Ja, die SPD hätte damals zum ersten mal die Chance gehabt, mit den Grünen zusammen eine Regierungsmehrheit zu bilden, wäre es nicht zu einem Ereignis geschichtlichen Ausmaßes gekommen.

Ein Kanzler Lafontaine wäre bei weitem weniger links gewesen, als er heute predigt. Daher hätte er durchaus bis 1998 regieren können. Dann allerdings wäre das konservative Lager wieder stark genug geworden, um selbst an die Macht zu kommen.

Dann allerdings unter einem Kanzler Wolfgang Schäuble. Schröder wäre wahrscheinlich erst 2006 zur Bundestagswahl angetreten und der Kanzler einer großen Koalition geworden. Aber nur deshalb, weil die Volksparteien ihr anderes Führungspersonal bis dahin verschlissen hätten. Wie ja heute auch.

Links von der SPD ist das Nichts

Die SPD hätte sich niemals an einer Linken aufgerieben. Schon allein, weil Oskar Lafontaine ihr Ehrenvorsitzender wäre. Was wäre heute mit der CDU? Das unerfüllte Versprechen der Wiedervereinigung, das  seit Konrad Adenauer bestand, hätte die Partei möglichweise innerlich zerrissen.

Revival im Osten

Was wäre mit dem Osten passiert? Ostdeutschland wäre heute ein EU-Mitglied wie Österreich auch. Viele junge Menschen hätten das Land verlassen, um ihr Glück woanders zu suchen. Das Wohlstandsniveau wäre mit Tschechien oder Polen zu vergleichen. Allerdings wäre es vermutlich nicht zur zwischenzeitlichen Massenarbeitslosigkeit gekommen. Denn bis heute gäbe es dort nicht die üppigen westlichen Löhne, die schon bald nach der Wiedervereinigung im Osten Einzug hielten.

Zerstörerische D-Mark

Wie wir heute wissen, war die wertstabile D-Mark einer der Hauptgründe für den industriellen Zerfall des Ostens. Denn Produktivitätsunterschiede werden zwischen Volkswirtschaften sonst durch Währungsgefälle ausgeglichen. Ohne diesen Ausgleichs-Mechanismus über den Preis kommt es zum Ausgleich über die Mengen.

Die Einführung der D-Mark wurde im Osten zwar wie die Ankunft des Messias gefeiert, bei genauer Betrachtung war sie aber wohl doch eher der Antichrist für die Ostwirtschaft. Den Menschen wäre ohne sie viel Elend erspart worden.

Außenpolitik

Mit der Wiedervereinigung ist die BRD erwachsen geworden. Alle aus dem zweiten Weltkrieg offenen Fragen (Wiedergutmachung, Reparationen und Friedensverträge) wurden geklärt. Gleichzeitig haben wir unsere Sonderstellung aufgegeben und entsenden heute unsere Soldaten in den Hindukusch und andere Orte, gleichberechtigt mit andern UN-Partnern.

Ich vermute, dass wir ohne die Wiedervereinigung auch heute noch die Nation mit dem größten Sanitäter-Korps für UN-Operationen wären.

Oskar Lafontaine – der neue Willy Brandt für die SPD

Die Frage nach dem “was wäre wenn” ist müßig. Denn Geschichte passiert und wir leben in ihr. Meine Betrachtung gleicht einem Fleckenteppich und ist weit von einem Gesamtbild entfernt. Die andere Zukunft wäre vermutlich auch nicht besser gewesen.

Interessant finde ich aber, die Rolle einzelner Personen. Nehmen wir Oskar Lafontaine. Er hätte für die SPD eine ähnliche Rolle spielen können, wie seinerzeit Willy Brandt. So spielt er eben die Walter Ulbricht Rolle (bleibt abzuwarten).

Wolfgang Schäuble oder Volker Rühe (kennen Sie den noch?) wären die natürlichen Nachfolger von Helmut Kohl gewesen. Und vielleicht hätte es das Attentat auf Schäuble 1990 nicht gegeben, weil der CDU als “lame duck” kaum Chancen zugerechnet worden wären.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich eine weitere (national-)konservative Partei gebildet hätte. Die SPD könnte in so einem Szenario sogar die größte Volkspartei sein. Ihre Positionen wären allerdings die gleichen, die heute eine CDU vertritt. Denn diese ist inzwischen ja so weit links anzutreffen, wie keine CDU seit Konrad Adenauer.

Das Gute an unserer Geschichte

“Alea jacta est” – der Würfel ist gefallen, soll Cäsar gesagt haben, als er den Rubicon überquerte, um seinerzeit den Bürgerkrieg gegen den Senat in Rom zu beginnen.

Jede Geschichte bringt Gewinner und Verlierer hervor. Daher macht es keinen Unterschied, was geschehen ist, sondern was wir selbst daraus machen.

Ich habe durch die Wiedervereinigung viele mir wertvolle Menschen kennen und lieben gelernt. Das ist zwar nur meine private Perspektive. Aber für mich kommt es allein darauf an.

Daher werde ich jetzt werde  erst einmal eine Flasche Champagner mit meiner Frau köpfen und die Einheit feiern!