Die Euronauten und das goldene Vlies

Euronauten Die Antike gehörte den Griechen. Sie legten die Grund­steine für Kultur, Philo­sophie und Mathematik. Selbst die Namenspatronin unseres Kon­ti­nents »Euro­pa« ist eine Griechin. Heute zeugen nur noch Ruinen von dieser großen Zeit und das eine oder andere Pferd in unserem PC.

In unsren Zeiten stehen die Griechen für etwas anderes. Dank ihrer Schulden haben gierige Banker den Euro in der Hand und zupfen in aller Seelenruhe an seinen Grundfesten.

Doch was ist die Ursache der Krise? Spekulanten gab es schon immer und natürlich haben sie sich an die Währungen schwacher Länder herangemacht und gegen sie spekuliert.

Vor wenigen Jahren fanden wir das gut und sprachen von »den disziplinierenden Kräften der Märkte.«

Die Lizenz zum Gelddrucken

Doch im Zweifelsfall hat sich noch keine Regierung davon einschüchtern lassen. Schon vor der Euroeinführung haben Länder wie Italien und Griechenland prinzipiell kein Problem in der Geldvermehrung durch die Druckmaschine gesehen.

Erst als der Euro und seine Verheißungen am Horizont auftauchten, begann Italien vernünftig zu wirtschaften und Griechenland frisierte seine Bilanzen. 😮

Kein James Bond

Doch warum macht die Politik eines Landes so etwas? Sitzt irgendwo ein teuflischer Blohfeld, den James Bond einmal nicht ausschalten konnte? Der Gedanke könnte einem schon kommen. Denn gerade die Engländer haben sich dem Euro immer verweigert. 😉

Natürlich gibt es immer viele Ursachen. Aber eine der wichtigsten ist der gefühlte Wohlstand des jeweiligen Wahlvolkes. Arbeitslose wählen in der Regel nicht die Politiker, die sie für ihre Misere verantwortlich machen.

Ein amerikanischer Präsident drückte es einmal sehr treffend aus. »It’s the economy, stupid!« (»Es kommt auf die Wirtschaft an, Du Blödel!«)

Teufelszeug und Galeerensklaven

Ein probates Mittel, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen wäre eine Lohnsenkung. Das ist natürlich Teufelszeug, wenn man Linke und Gewerkschaftler fragt. Allerdings zahlt niemand gerne mehr als nötig für seine Einkäufe. Jeder, der schon einmal im Internet Preise verglichen hat, kann das nachvollziehen.

Für das Geld was für die Arbeit gezahlt wird, bekommen wir als Käufer zu wenig Gegenleistung. Die Kunden kaufen also woanders. Das können wir ändern. Entweder wir bekommen mehr, nach dem Motto: »Kauf drei für den Preis von zwei!«. Das hieße, wir müssten die Produktivität erhöhen oder wir senken den Preis: »Ich gebe Dir einen Supersparrabatt«. Das hieße, die Löhne senken.

Anders als in einer römischen Galeere erhöhen wir die Produktivität unserer Arbeiter nicht durch eine höhere Schlagzahl der Trommel und schmerzhafter Peitschenhiebe. Das war vielleicht in der Antike so, für die wir Griechenland so schätzen. Heute erhöhen wir die Produktivität durch Investitionen.

Die Zeit ist immer knapp

Doch jede Investition kostet erst Geld und wirkt sich erst später aus. Das ist leicht nachvollziehbar. Denn eine Maschine schafft ja keine Arbeit per se. Außer vielleicht in Deutschland, weil wir die Maschinenbauer der Welt sind. 😉

Stattdessen ersetzt die Maschine manuelle Arbeit. Erst wenn das Unternehmen seine überflüssigen Arbeitskräfte entlassen hat, steigt die Produktivität und in der Folge die Nachfrage nach seinen Produkten. Denn jetzt sind seine Preise trotz hoher Löhne konkurrenzfähig. So entstehen nach einiger Zeit wieder neue Arbeitsplätze durch Wachstum.

Für die Politik dauert das zu lange. Es geht viel einfacher und schneller. Alle Arbeitslosen bekommen einfach einen Job beim Staat. Theoretisch wird der Steuerzahler damit zum Arbeitgeber.

Geld ist noch knapper

Praktisch bräuchten wir jetzt genügend Steuereinnahmen, um die vielen fleißigen Staatsbediensteten bezahlen zu können. Doch wir erinnern uns: Der Wirtschaft geht es nicht so gut.

Wundersame Geldvermehrung

Die Steuereinnahmen sind daher zu niedrig. Was also können wir tun? Genau! Wir beauftragen die Notenbank ein wenig Geld zu schöpfen. Die Investition in eine neue Druckmaschine kriegt selbst ein Pleitestaat geregelt und schon beginnt die wundersame Geldvermehrung.

Gestreckter Latte schmeckt nicht

In einer Tauschwirtschaft würde das nicht gehen. Wenn der Bauer seine Kuh zum lokalen Starbucks führt, will er dafür 100 Grande Latte und 150 Muffins. Die Kaffeebar könnte ihm nicht vormachen, dass virtuelle Kaffeebecher und Muffins auch ganz gut sind.

Allerdings könnte ein gewiefter Manager den Kaffee natürlich mit Wasser strecken. Sobald das ruchbar wird, will der Bauer entweder gar keine Geschäfte mehr mit Starbucks machen oder er verlangt 200 gestreckte Grande Lattes und 180 mehlige Muffins.

Inflation

Wenn die Währung »gestreckt« wird. Dann läuft es nicht anders. Das Geld ist weniger wert und wenn wir in dieser Zeit griechische Drachmen kauften, dann war der Urlaub fabelhaft preiswert. Der positive Effekt lässt allerdings schnell nach, da bei steigender Inflation die Arbeitnehmer mehr Geld haben wollen. Nebenbei werden auch ihre Ersparnisse entwertet, genauso wie die Staatsschulden. Das ist genial!

Ein anderer Effekt ist dagegen sehr hilfreich. Der Außenwert einer Währung repräsentiert die volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Landes. Liegt sie am Boden, kostet auch die Währung nicht viel. Damit liegen also in den Folgen einer Krise auch die Chancen zur Besserung.

Denn in diesem Fall haben die Deutschen Touristen für ihre damalige starke D-Mark viele Drachmen bekommen und Griechische Produkte waren billig.

Keine böser Wille

Unseriös wirtschaftende Länder werden also nicht vom bösen Willen getrieben, sondern von der Klebeintensität der Politikerhintern an der Macht.

Wer hat uns nur die Griechen geschenkt?

Mit der Einführung des Euro hat sich das vermutlich nicht geändert. Allerdings hat es den Deal interessanter gemacht. Denn die Währung als Anpassungsmechanismus fällt weg.

Jetzt bleibt als nur noch der Arbeitsmarkt, der theoretisch alles schultern müsste. Eine Nation, die einen Odysseus hervorgebracht hat, wird sich allerdings davon nicht aufhalten lassen.

Arbeitslose wurden weiterhin vom Staat angestellt, nur diesmal hat sich der Staat das Geld dafür aus dem Ausland geliehen. Als Mitglied der Eurozone galten die bisherigen Marktgesetze nicht mehr.

Grimmige Märchen im Eurowald

Normalerweise hätte Griechenland einen märchenhaft hohen Zinssatz zahlen müssen. Doch in der Eurozone galten überall die gleichen Zinssätze. Warum das so war, können die Banker heute auch nicht mehr erklären. Vermutlich lag es an dem anderen Griechischen Märchen.

Eigentlich gab es ja Regeln. Euroländer sollten keine Verschuldung jenseits der 60 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts haben und das jährliche Staatsdefizit darf 3% des Bruttoinlandsprodukts nicht übersteigen.

Daran hat Griechenland sich offensichtlich weder vor noch nach seiner Mitgliedschaft im Euro gehalten. Stattdessen haben sie Eurostat das gemeldet, was man dort hören wollte. 😯

Ohne Konsequenzen

Die logische Konsequenz wäre, dass Griechenland die Eurozone verlassen muss, da es sich weder vorher qualifiziert hat, sich noch nachher wie ein Euroland verhielt.

Ist es Europasentimentalität oder die eine derzeit politisch nicht ver­mittelbare Subvention der Banken – jedenfalls bleibt Griechenland erst einmal Teil der Eurozone. Unwillkürlich muss ich dabei an ein hölzernes Pferd vor der Toren einen antiken Stadt denken.

Die wahre Geschichte vom goldenen Vlies

Wenn ich unsere Europolitiker so sehe, muss ich allerdings an einen anderen Griechen denken:
Jason auf der Jagd nach dem sagenumwobenen goldenen Vlies. Sein Schiff war die Argo und seine Männer nannten sich die Argonauten.

Unsere Euronauten werden ihr Ziel vermutlich nicht erreichen. Und wenn doch, dann wird der Preis dafür vielleicht zu hoch gewesen sein.

Andere Länder zahlen jetzt die Schulden Griechenlands und sie werden niemals eine Gegenleistung dafür sehen. Das nennt sich wundersame Geldschöpfung, oder ist es gar das sagenumwobene goldene Vlies?