Von einem Moment auf den anderen

image Als Entscheider wollen wir un­sere Entscheidungen gerne in einem emotional ausgegliche­nen Zustand treffen. Allerdings kommt uns hin und wieder das Leben dazwischen.

Ein Kunde kürzt unsere Rech­nung, ein Fehler der Vergan­genheit holt uns ein oder wir realisieren, dass ein guter Freund gar nicht so gut ist.

Warten wir dann auf bessere Zeiten, um unsere richtungsweisenden Entscheidungen zu treffen, könnten wir unter Umständen ziemlich lange warten müssen.

Ein- oder Zweispurig

Denken wir einen Moment darüber nach, dann können wir innerhalb von Sekunden von einer guten Laune in eine schlechte rutschen oder wie wir Coachs sagen von einem »ressourcenvollen« in einen »ressourcenarmen« Zustand gleiten.

Wenn es in die eine Richtung so gut geht, warum sollte es in die andere Richtung länger dauern?

Angst vor der Schere

Gestern hatte ich Angst. Denn meine Friseurin war offensichtlich gerade in einem ressourcenarmen Zustand, als sie sich meines Haarschopfs annahm.

Wann immer wir jemanden mit rasiermesserscharfen Scheren in der Nähe unserer Ohren hantieren lassen, sollten wir hoffen, dass demjenigen mit den Scheren gerade besonders viele Ressourcen zur Verfügung stehen. 😮

Die Ursache des Ärgers

Meine Friseurin zeigte klare Anzeichen von Ärger und auch Sorgen in ihrem Gesicht. Unglücklicherweise hatte ich vorher nicht auf sie geachtet. Daher wusste ich nicht, ob ich vielleicht der Auslöser ihres Ärgers war. 😯

In der Vorbesprechung hatte ich durchblicken lassen, dass ich mit dem letzten Schnitt nicht so zufrieden gewesen war und daher einige Änderungen zum letzten Mal haben wollte.

Da ich zuvor in Gedanken über ein anstehendes Coaching gewesen war, wusste ich nicht, ob sie schon vorher schlecht aufgelegt war oder ob ich sie mit meinem Wunsch gekränkt hatte.

Bei Letzterem hätte ich nichts daran ändern können, weil sie dann vermutlich noch in der Refraktärphase gefangen war.

Das ließ sich allerdings schnell überprüfen. Sie freute sich augenschein­lich, dass ich ihr Angebot zu einer Tasse Kaffee dankend annahm. Damit war klar, dass ihr Zustand nichts mit mir zu tun hatte.

Die Macht der Erinnerung

Ab dem Moment war es einfach, sie in einen ressourcenvollen Zu­stand zu bringen.

»Heute haben Sie mehr Zeit als das letzte Mal.«

»Ja?«

»Ja, das letzte Mal waren Sie hier ganz allein. Ich habe Sie so bewundert, wie Sie mit dem ganzen Stress umgegangen sind, wie sie alle Aufgaben und Anforderungen gekonnt jongliert haben!«

»Ja? Finden Sie? Das passiert öfters.«

»Mir hat besonders imponiert, dass Sie dabei nie Ihre gute Laune verloren haben.«

»Man muss einfach locker bleiben, dann geht einem die Arbeit ganz leicht von den Händen … «

Innerhalb weniger Momente hatte sich ihre ganze Haltung verän­dert, ihre Augen strahlten und ihre Mundwinkel zeigten klar nach oben.

Durch die Erinnerung an einen Moment, in dem sie sehr stark (res­sourcenvoll) war, glitt meine Friseurin ohne viel Aufwand in genau je­nen Zustand von damals und das innerhalb weniger Sekunden.

Coaching und Sülze

Wir könnten das Gleiche natürlich auch erreichen, indem wir den anderen auffordern, positiv zu denken, seine Köperhaltung zu straffen und ein Lächeln aufzusetzen. Doch das erzeugt bei vielen Menschen eher Widerstände als dass es die gewünschten Resultate bringt.

Gegen eine positive Erinnerung sperrt sich dagegen niemand und unser Gehirn macht den Rest. Denn wir fühlen mit der Erinnerung automatisch das Gleiche wie damals.

In einem Autotest würde es heißen: »von 0 auf 100 Stundenkilometer in fünf Sekunden.« Gar nicht so übel. 😉

Das kann jeder

Meine Friseurin ist eine intelligente Frau, aber sie ist bestimmt keine Raketenwissenschaftlerin. Wenn sie das kann, dann können wir das auch.

Also: Immer dann wenn wir merken, dass wir nicht über die erforder­lichen Ressourcen verfügen, um gute Entscheidungen zu treffen, sollten wir ein wenig in Erinnerungen schwelgen an eine Zeit, in der wir uns richtig gut gefühlt haben. Im Anschluss daran treffen wir unsere Entscheidungen und zwar richtig gut! 🙂

Der Haarschnitt war übrigens ein Meisterwerk. Ich glaube, sie gab sich extra viel Mühe, nachdem ich ihr durch meine harmlose Bemerkung den Tag gerettet hatte.